Aserbaidschan: Bazar Dyuzi 4.466m

Juli 2019

 

 

41° 13' N; 47° 52' E

Aserbaidschan liegt an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien. Es grenzt an die Russische Föderation, Georgien, Armenien und den Iran. Die Republik Armenien teilt Aserbaidschan in zwei unterschiedlich große Gebiete, der kleinere Teil liegt im Westen, im Kleinen Kaukasus, der größere erstreckt sich im Osten, vom Großen Kaukausus bis zu den Steppen der Muganskaja Ravnina und dem Kaspischen Meer.

Die höchsten Erhebungen sind der Schachdag (4243 m) und der Bazar-Dyuzi (4480 m).

Bazar Yurt and Bazar Dyuzi, Foto by Kupr

Tour zum höchsten Berg in Aserbaidschan, Bazardyzy 4.446m

 

Am 22.07.2019 war es endlich soweit. Nach rund drei Jahren der Kontaktaufnahmen, vergeblichen Versuchen die notwendigen Permits zu beschaffen und einem Versuch für 2018, welcher leider schon im Ansatz scheiterte, sollte es nun endlich klappen diese Tour zu organisieren!

 

Scheinbar unzählige bürokratische Hindernisse galt es zu überwinden. Über etliche Jahre hatte ich immer wieder Kontakt zu Arzu Mustafaev. Irgendwie wollte aber die Organisation nicht richtig voran gehen. Emails blieben monatelang unbeantwortet, wenn eine Antwort kam, dann wurden oft nur einige Fragen beantwortet oder eben aus meiner Sicht nicht vollständig. So hatte ich dann fast bis zum Schluss noch berechtigte Zweifel, ob ich diese Tour wirklich organisiert bekomme. 

 

Ein tolles Team hatte sich für diese Tour schnell gefunden. Maximal mit 10 Leuten wollte ich unterwegs sein, 10 Leute inklusive mir waren dann schnell zusammen gekommen. Wieder gingen unzählige Emails an Arzu und meine Geduld wurde strapaziert. 

 

Irgendwann teilte mir Arzu mit, dass er nach Berlin zur weltgrößten Touristikmesse der ITB kommen wird. Von meinem Wohnort sind es über 800 km nach Berlin, also nicht eben mal schnell hin.

Zwei Geschäftstermine die ich in der Nähe von Berlin hatte, erleichterten mir die Organisation des Treffens. Ich musste also lediglich schon an einem Samstag nach Norden fliegen, statt wie geschäftlich notwendig, am Montag.

 

Kein Problem und ein Besuch bei meinen Eltern ließe sich so auch noch mit einbauen.

Also eine „win win win“ Situationen ;-)

 

Dieses Meeting veränderte dann doch einiges. An einem Samstag im März ging es nach Berlin, meine Partnerin Mariya holte mich dort mit ihrem Auto ab und dann ging es zur Messe. Einige Kaffees später und nach dem üblichen „Kennenlern-Geplänkel“, sprachen wir über meine konkreten Pläne für dieses Jahr und Arzu meinte, ja klar, alles absolut kein Problem. Er findet mein Projekt super und möchte mir dabei helfen. Ab da wurde wirklich jede Email beantwortet, das ganze Projekt nahm plötzlich Konturen an und ich ging an die Umsetzung, buchte Flüge, organisierte über Arzu die Visa, notwendigen Genehmigungen, Transfers, Hotels und zig andere Dinge.

Wie viele Abende ich letztlich mit dem iPad auf der Brust eingeschlafen bin, ich kann es nicht sagen.

Letztlich entschied ich mich für Flüge via Istanbul mit Türkischen Airlines, da hier das Preisleistungsverhältnis, die Gepäckregelung (30 + 8 KG) und die Abflug- und Ankunftszeiten, am besten passten.

 

Die Flut an Telefonaten, Whatsappnachrichten und Emails riss irgendwie nicht ab. Geduldig versuchte ich alle Fragen meiner Mitstreiter, auch oft mehrfach, zu beantworten. Ein Vorab Meeting mit gemütlichem Grillabend brachte alle auf den aktuellen Informationsstand und nun wurde für mich langsam klar, es geht diesmal wirklich nach Baku. Ein weiteres Land (derzeit über 100) und eventuell ein weiterer Berg, bzw. „Landes-Höchster“ sollten in die Sammlung eingereiht werden. Nach diversen gelungenen Besteigungen in 2017, 2018 und im Mai 2019 war ich im Peakbagger Ranking mal wieder auf Platz 1 der „Peakbagger Comprehesiv List“. Nur ein Punkt Vorsprung vor der Schwedin Emma Svensson, die in 2018 ein unglaubliches Tempo vorgelegt hatte. Nun war mein Plan diesen Vorsprung ein wenig auszubauen.

 

21.07.2019

Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub. Die letzten Wochen vergingen wie im Flug. In der Firma waren viele wichtige Projekte am Laufen, privat gab es Neuerungen, Mariya und ich hatten uns entschieden nach meinem Urlaub unsere getrennten Haushalte zusammen zu legen und Mariyas Umzugsvorbereitungen waren in vollem Gange.

Der letzte Tag war so vollgestopft mit Vorbereitungen und Absprachen, da war keine Zeit zum Nachdenken oder für Reisefieber. Die Ausrüstung hatte ich gepackt, eine gewisse Routine hat sich da bei mir bereits eingestellt. Es war ja nun nicht die erste Tour ;-)

 

Am Abend ging es dann nach Öflingen ins Restaurant „Vorderhus“ zum Abendessen. Hier genossen wir den Abschiedsabend, lernten noch ein nettes Paar kennen und trafen uns mit Nathalie und Thomas, welche den Abend vor dem Abflug bei uns übernachteten. Es wurde ein wirklich schöner Abend mit Freunden.

 

 

22.07.2019

Sehr früher Aufbruch zum Flughafen, problemloses Einchecken der ganzen Ausrüstung und ein Flug via Istanbuls neuen Flughafen, wo wir mit einem schnellen Effes auf Ferdis Geburtstag anstoßen konnten, brachten uns nach Baku. Hier erwartete uns bereits Arzu, welchen mit einem großen Schild und dem aufgedrucktem Bergwaerts-Logo an der Gepäckausgabe wartete. Wie er da wohl reingekommen ist? Normalerweise kommt man ja nur bis zur Ausgangstür...

Ein kurzer Transfer zum Hotel, einchecken und dann ein schnelles Abendessen in einem Imbiss mit Plastikstühlen.

 

23.07.2019

Wir sind nach dem Frühstück mit unserem Stadtführer Yussif verabredet. Unser fröhlicher Busfahrer vom Vortag und unser Guide für die Stadt, Yussif, holen uns am Hotel ab und es geht zum brennenden Berg  Yanar Dağ 

(  https://de.m.wikipedia.org/wiki/Yanar_Dağ )

Wir laufen bei starkem und heißem Wind durch die touristisch aufbereitete Sehenswürdigkeit und fahren von dort wieder Richtung Altstadt. 

Baku ist eine wirklich spannende Metropole, ca. 2,2 Millionen Einwohner, extreme Gebäude und Architektur, viel Glanz und oft ein wenig mehr Schein als Sein. Trotzdem absolut sehenswert, sauber, sicher und mit vielen freundlichen Menschen. Man ist international, viele sprechen deutsch, englisch, türkisch und historisch bedingt auch russisch. Mit wem auch immer man spricht, immer wieder wird die Nähe zum großen Bruder, der Türkei, herausgestellt. Wir bummeln durch die Altstadt, genießen das Wetter, das Treiben und lassen uns das Xirdalan (einheimische Biermarke) und Essen schmecken. Es wird spät und müde geht es zurück in unser Hotel.

 

24.07.2019

Unser Bus steht bereits vor dem Hotel. Wir verladen unsere ansehnlichen Gepäckberge, Packtaschen, Zelte und mehr. Dann noch ein Stopp bei Arzus Büro um eine Gasflasche und einen Kocher zu holen, ein Stopp an einem Supermarkt, hier kaufe ich das notwendige Essen, Trinken usw. für die Zeit am Berg ein. Voll beladen geht es jetzt los in Richtung Xinaliq auf 2.100 Meter das höchst gelegene Dorf des Landes, dem Ausgangspunkt für unsere Bergtour.

Unser freundlicher Busfahrer und Yussif legen ab und zu einen kurzen Halt ein, die Landschaft wird bergiger und die Straßen schlechter. Wir fahren, zum Teil wirklich steil, via Quba/Kuba entlang am Fluss Gudiyalchay, nach Xinaliq/Khinalig. An einem besonders steilen Straßenabschnitt lässt unser Busfahrer alle Männer aussteigen und fährt langsam mit vermindertem Gewicht die steile Passage. Wir Kerle müssen halt laufen. Kurz vor dem Dorf hat unser Bus eine Reifenpanne und wir laufen noch ein Stück bis zur Unterkunft. Unser fröhlicher Busfahrer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und wechselt in aller Gemütlichkeit das Rad, wie immer freundlich lächelnd, Goldzähne blinkend.

 

Angekommen beziehen wir unsere einfache Unterkunft bei einer Bauernfamilie. Mit einfachen Mitteln wurde hier der Stall umgebaut zum Gästehaus. Alle bekommen einen Schlafplatz und ein reichhaltiges, frisch gekochtes Abendessen. Wir palavern noch ein wenig und dann geht es ab in die „Buntkarierten“. Irgendwie kann ich nicht einschlafen und höre noch ein wenig Hörbuch.

 

25.07.2019

Frühstück und „Packstress“, wir lassen die “Stadtkleider“ und alles was wir am Berg nicht benötigen in der Unterkunft. Ich bin völlig übermüdet. 

Ein geländegängiges Fahrzeug soll uns abholen, unseren Guide für die Bergtour (der verpflichtend mit dabei sein muss, gebraucht hätten wir den nicht) sollen wir heute kennenlernen. 

Der Guide kommt, spricht kein Wort Englisch, Russisch oder irgendeine andere Sprache, außer dem Idiom welches nur hier vor Ort in Xinalig gesprochen wird. In unserer Gruppe können wir Deutsch, Englisch, mindestens zwei von uns sprechen hervorragend Französisch, zwei von uns sprechen Italienisch und etwas Russisch kann ich auch noch anbieten. Leider beherrscht keiner von uns Chinalugisch, ein Idiom welches nur von ein paar hundert Menschen weltweit gesprochen wird. Ich denke noch, naja mit Händen und Füssen, wenn man will kann man sich immer irgendwie verständigen. Tja, da wusste ich noch nicht, dass der Typ eben einfach nur ein Arschloch ist.

 

Der geländegängige Transport stellt sich als altersschwacher GAZ-66 heraus und kommt mit über einer Stunde Verspätung.

Spitzname  шешерик (Schescherik) (  https://de.m.wikipedia.org/wiki/GAZ-66 )

Die Produktion wurde 1999 eingestellt, unser Fahrzeug dürfte deutlich älter sein. Wir nehmen auf der rostigen Ladefläche Platz, immer aufpassend sich nicht an hervorstehenden Schrauben oder scharfkantigen Schweißnähten, zu verletzen. Das klappt soweit, nur meine Hose überlebt die Tour nicht.

 

Wir fahren los, am Tor zum Nationalpark ein recht 

kurzer Stopp, dann weiter zum Gate der Grenzkontrolle, hier ist aber dann gleich wieder Schluss. Ewig stehen wir in der knall heißen Sonne.

Irgendwelche Papiere sind scheinbar nicht in Ordnung, keiner erklärt was los ist, wir stehen rum und warten. Ich verbrenne mir den Nacken und die Füße, was für ein Scheiss.

Dann kommt plötzlich unser Herbergsvater angefahren, irgendeinen Zettel hatte er nicht ausgefüllt, es gibt Schelte von den Uniformierten und dann geht es endlich los. Wir haben noch ein paar Schäfer dabei und Unmengen Brot, die Schäfer und das Brot werden unterwegs ausgeladen. Es geht durch ein weites Tal, mehrere Fluss Durchfahrten, abenteuerliche Offroadpisten und steile Auf- und Abfahrrampe müssen überwunden werden. Für uns auf der Ladefläche nur am Anfang spaßig. An jeder Stelle mit erreichbarem Wasser hält der Fahrer an und füllt den Kühler auf. Das kostet zusätzlich Zeit. Irgendwann kommen wir am Lager 1 (auf 2.853m) an und können runter von diesem Folterinstrument. Zelte aufbauen, Lager einrichten, Abendessen vorbereiten. Ein Teil der Gruppe macht einen Akklimatisierung-Ausflug bergauf, in Richtung Ziel, durch eine enge Schlucht.

 

Unser Guide war für etliche Zeit verschwunden, erst hat er in seinem Zelt gepennt, dann war er weg zum telefonieren. Als er wieder kommt regt er sich dramatisch auf, dass die Leute in die Schlucht gegangen sind, dort ist Steinschlaggefahr, er läuft in den nächsten Tagen auch überwiegend mit Helm herum. Ja, kann man machen... aus meiner Sicht etwas überzogen, aber drauf geschi....

 

Ich bereite das Abendessen vor, koche für 11 Leute auf einem Gaskocher mit einer Flamme, das Ganze ist gar nicht so einfach und verlangt gute Organisation. Auch hier hält sich der Kollege Guide bei allen Vorbereitungsarbeiten sehr zurück, naja zum Essen ist er dann da. Dem Team schmeckt mein Essen, es gibt Reis mit Gemüse und Fleisch. Gar nicht so übel, wird mir jedenfalls bestätigt. 

 

Der Guide erklärt mir, dass wir um 3:30 Uhr starten, dann verzieht er sich in sein Zelt und ward nicht mehr gesehen. Hmmm, halb vier für den Aufstieg in das Lager 2, was für ein Blödsinn denke ich noch so bei mir. Aber egal, dann penne ich halt weiter oben am Tag etwas länger.

 

26.07.2019

3:30 Uhr steht die Mannschaft zum Abmarsch bereit, die Zelte sind abgebaut, ich habe Tee gekocht unser Guide-Kasper kommt aus dem Zelt gekrochen und fragt warum wir die Zelte abgebaut haben. Erst will ich die Gebärdensprache nicht richtig verstehen, aber der meinte das ernst. 

Er hatte vor direkt vom Lager 1 zum Gipfel zu gehen und zurück in das Lager. Das wär ein verdammt langer Tag, rund 35 Kilometer und über 1.600 Höhenmeter. Aber das hätten wir gestern wissen müssen, die Rucksäcke wären anders gepackt gewesen, mehr Wasser dabei, die Zelte noch am Platz. Ich erkläre ihm, dass das nun nicht mehr geht, die gestrige Kommunikation seinerseits schlecht war und wir in das Lager 2 gehen und erst am nächsten Tag den Gipfelversuch starten werden.

Er ist angepisst und meint er müsste telefonieren. Wieder stehen wir über eine Stunde wie bekloppt in der Gegend herum und warten auf den Kasper. 

Irgendwann kommt er und wir ziehen los. Beim Tragen von Ausrüstung wie Kocher, Gasflasche und Verpflegung hält er sich auch dezent zurück, kein feiner Zug. 

Wir steigen langsam den zum Teil steilen Pfad, neben einem reißenden Fluss, durch eine enge Schlucht aufwärts. Unser Guide-Kasper läuft immer 500 Meter vor uns, rennt los wie ein Geisteskranker und bleibt dann wieder stehen um zu warten. Wir versuchen ein gleichmäßiges Tempo zu gehen, schließlich haben wir alle ordentlich Gewicht auf dem Rücken und es gibt absolut keinen Grund einen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Die Landschaft ist schön, dass Wetter noch in Ordnung. Das Camp 2 auf 3.226m erreichen wir gegen Mittag. Davor hatten wir noch, eine nicht so einfache Flussüberquerung zu meistern.

 

Zelte aufbauen, Lager einrichten, die meisten in unserem Team sind routinierte Bergsteiger und das klappt alles wie am Schnürchen. Der Himmel zieht etwas zu und das Wetter gefällt mir nicht.

Der Guide-Kasper meint, dass wir morgen um 2:30 Uhr starten. Oh ha, noch eine Stunde früher, OK mir ist es recht. Ich koche wieder und offensichtlich schmeckt es, dann wird aufgeräumt, die Rucksäcke werden gerichtet und die Ausrüstung nochmal durchgegangen. Am Abend beginnt es leicht zu regnen und dann kommt ein heftiges Gewitter. Es stürmt und regnet, ich liege im Zelt und fluche. Bei Nathalie und Thomas regnet es rein, die sind natürlich entsprechend begeistert.

Immer wieder schaue ich in der Nacht aus dem Zelt und checke den Himmel. Es klart auf und zieht wieder zu. Mist. 

 

27.07.2019

2:30 Uhr Nathalie will im Camp bleiben, ich lasse ein Funkgerät bei ihr und wir vereinbaren jeweils zur vollen Stunde kurz zu checken ob alles in Ordnung ist. Das Team steht komplett fertig zum Abmarsch im Nieselregen, der Guide Kasper liegt in seinem Zelt im Schlafsack. Jetzt platzt mir der Kragen.

Ich gehe zum Zelt, öffne den Reißverschluss, rüttle den Kerl wach und sage ihm auf Deutsch und ohne jegliche Gesten und Gebärdensprache: „Jetzt hörst mir mal zu, Du Vollpfosten, Du hast jetzt exakt 10 Minuten um Deinen unprofessionellen Hintern aus dem Schlafsack zu schälen, ab dann kannst Du mich mal kräftig am Arsch lecken, weil ich dann einfach mit der Truppe zum Gipfel aufbrechen werde. Im Übrigen kannst Du drauf wetten, dass das alles hier auf meiner Webseite zu lesen sein wird und Du gerade keine Werbung für Deine Firma machst...und jetzt gib Gummi sonst kracht’s, aber gewaltig“. Ich muss mir echt Mühe geben nicht laut zu werden.

 

Irgendwie muss er es aber verstanden haben, kurz drauf steht er fix fertig mit Helm auf dem Kopf zum Abmarsch bereit. Wir durchqueren den nun nochmal deutlich stärker angeschwollenen Fluss und das gleiche Prozedere wie am Vortag beginnt. Statt einem gleichmäßigen Tempo springt der Kerl los wie von der Tarantel gestochen und bleibt wenn er fast außer Sichtweite ist wieder stehen und wartet. Der kapiert es einfach nicht und hat aus meiner Sicht keinerlei Eignung zum Guide. Das Wetter wird schlimmer und schlimmer, der Sturm wird zum Teil extrem, Windböen hauen mich fast um.

Auf knapp über 4.000m, ich hatte gerade Funkkontakt zu Nathalie, habe ich auch Kontakt zu einer russische Station im Funkgerät. Sie meinen wir müssen dringend runter, das Wetter wird noch schlechter und der Sturm wird schlimmer. Was für ein Scheißdreck denke ich mir, jahrelang versuchst Du die Tour auf die Beine zu stellen und dann sowas. Der Wind ist inzwischen fast unerträglich. Also Abbruch, Abstieg, das Team ist enttäuscht, einige sind offensichtlich froh über die Entscheidung, einer nicht wirklich damit einverstanden. Aber es gibt keinerlei Diskussionen, allen ist die Situation klar und jeder weiß dass ich diese Entscheidung wirklich nicht leichtfertig getroffen habe.

Wir quälen uns durch den Wind wieder abwärts zum Camp 2. Technische Schwierigkeiten gibt es quasi keine, Augen auf und laufen.

 

Wieder über den Fluss, zurück am Camp, sind wir alle klatschnass und durchweicht, Ausrüstung und Zelte ebenfalls. Da die Permit für den Gipfel sowieso am 28.07.2019 abläuft und das Wetter immer mieser wird, gibt es nur eine richtige Entscheidung, Camp abbauen und weg von hier.

Alles wird nass eingepackt, irgendwie verstaut und dann kommt der spannende Teil, mit den schweren Rucksäcken durch den Fluss. Alle schaffen es irgendwie einigermaßen über die, von uns in den Fluss gekippten, glitschigen Steine, durch die Fluten zu hüpfen. Nur Uschi rutscht ab und taucht kurz ordentlich in die kalten Fluten. Jürgen tobt wie das HB Männchen. Aber Uschi nimmt das komplett gelassen, jammert nicht und läuft einfach stoisch durch das Dreckswetter in Richtung Camp 1. Weiter oben im Unwetter gab es einen Moment wo wir Telefonempfang hatten. Dies hatten wir genutzt um Arzu zu informieren, dass wir absteigen und ein Fahrzeug brauchen. Stunden geht es durch Sturm, Regen und Kälte bergab. Irgendwann am Lager 1 angekommen, steht das Fahrzeug das uns rausholen soll schon da. Ein Zelt hatten wir im Camp 1 stehen lassen um überzähliges Material dort zu deponieren. Das Materialzelt wird abgebaut, hierbei stelle ich fest, dass wir Besuch hatten und jemand sich nach brauchbaren Dingen umgeschaut hat. Mein Solar-Ladegerät und die dazugehörigen Kabel sind weg. Naja, das ist ärgerlich, aber alles andere ist unversehrt noch da. Wir verstauen alles auf der klatschnassen, rostigen Ladefläche des LKW, sitzen auf und los geht dass Gerumpel in Richtung Tal. Stundenlang werden wir durchgeschüttelt. Irgendwann kommen wir in Xinaliq an, wir holen die restlichen Sachen aus der Unterkunft, der Bus für den Transfer nach Baku ist schon da, diesmal ein anderer Fahrer. Arzu musste improvisieren und den Rück-Transfer etwas anders planen. Trotzdem hat er alles super gut und zeitlich perfekt abgestimmt, hinbekommen.

Wir vermissen unseren freundlichen Busfahrer von den vorhergehenden Touren. Der Kerl hier ist patzig und hektisch. Er treibt die Leute an und verlangt ernsthaft wir sollen mit den nassen und dreckigen Klamotten in den Bus steigen. Er fährt wie ein „Henker“ und raucht im Bus. Da ist der Konflikt vorprogrammiert. Egal, wir kommen lebend in Baku an und genießen eine heiße Dusche, saubere und trockene Kleider und freuen uns auf das Abendessen.

Wir treffen uns in der Altstadt und obwohl wir die Tour nicht mit einem Gipfelerfolg abschließen konnten, herrscht ausgelassene und fröhliche Stimmung. Der Frust über unseren schlecht organisierten Guide vor Ort sitzt aber speziell bei mir noch ziemlich fest. Hätte er auch nur ansatzweise seine Pläne mit mir geteilt, wir wären direkt vom Lager 1 gestartet und hätten auf Grund des besseren Wetters wenigstens eine Chance gehabt.

Man lernt nie aus...

 

 

28.07.2019

Wir schlafen so lange es geht, wir frühstücken und dann geht es ab in die Stadt.

Bummeln durch Baku, genießen es Zeit zu haben, Urlaub, wir schlendern, genießen, essen und trinken. Abendessen wieder in einem super Restaurant in der Altstadt, anschließend bis spät in die Nacht Xirdalan trinken, quatschen und Pläne schmieden. Gegen Morgen versacken wir noch in einer Bar auf einer Dachterrasse. Wir trinken Bier und genießen die Livemusik. Gegen 3:00 Uhr kommen wir erst ins Hotel.

 

29.07.2019

Heute geht es ans Kaspische Meer zum Baden. Wir frühstücken und los geht es mit unserem fröhlichen Busfahrer und Yussif. Badeplätze sind auf Grund der Ölförderung relativ rar. An einem Strand mit recht sauberem Wasser und Sand, baden wir in Sichtweite der Bohrinseln. Das Wasser ist warm und ewig weit geht es flach rein. Wir relaxen und genießen Sonne und Meer. Am Nachmittag sind wir zurück im Hotel, jeder vertreibt sich die Zeit nach seinen eigenen Wünschen. Am Abend treffen wir uns in der Stadt zum Abendessen. Der Tag klingt mit den gewohnten Bierchen im Park aus.

 

30.07.2019

Heute steht ein Ausflug zum großen Bazar auf dem Programm. Unser Fahrer holt uns ab, wir fahren durch die Stadt und schlendern anschließend durch den Bazar, welcher voll ist mit bekannten und unbekannten und exotischen  Lebensmitteln. Hier wird wirklich mit allem gehandelt. Danach geht es zu den Flametowers und einer großen Gedenkstätte für die Gefallenen diverser Kriege. Abends essen wir wieder in der Stadt und gehen anschließend zurück ins Hotel.

 

31.07.2019

Wir wollen heute die Schlammvulkane von Qobustan besuchen.

Am Morgen geht es mit unserem freundlichen Busfahrer durch Baku in Richtung Qobustan.

Hier befinden sich eine Reihe Hügel, welche die typische Kegelform der Vulkane haben. Oben gibt es einen kleinen Krater, welcher zwischen einigen Zentimetern oder Metern Durchmesse haben kann.

Daraus sabbert kühler Schlamm und Erdgas. Es gibt sogar welche bei denen Erdöl an die Oberfläche tritt und einfach in der Landschaft versickert.

Nachdem wir uns genug an den blubbernden Matschblasen erfreut haben, geht es zu den Petroglyphen von Qobustan. Wir schauen uns die Felszeichnungen an und wandern bei sengender Hitze durch die karge Landschaft.

Dann geht es zurück zum Hotel, wir machen uns frisch und ziehen uns hübsch an, dann geht es zu Arzu‘s Farm raus aufs Land. Unterwegs werden wir auf einen Parkplatz geleitet, der Präsident fährt in den Feierabend, also wird die Autobahn mit gigantischem Aufwand gesperrt. Eine Kolonne dicker Geländewagen braust vorbei und wir dürfen weiterfahren. Auf der Farm ist es wie es eben auf eine Farm (nicht nur) in Aserbaidschan zugeht. Viecher, Fliegen und ein bisschen Gestank. Alles wirkt ein wenig improvisiert, doch die Gastfreundschaft ist riesig. Es wird gekocht, gequatscht und gelacht. Irgendwann ist dann hier auch Feierabend. Wir fahren in die Stadt und lassen den Tag bei ein paar Xirdalan ausklingen.

 

01.08.2019

Ferdi und ich beschließen heute das Heydar Aliyev Zentrum zu besuchen. Nach dem Frühstück laufen wir quer durch die Stadt und besuchen das futuristische Museum. Wir schauen uns die Exponate an und bekommen einen fantastischen Espresso, ich meine, dass war der  beste Kaffee auf der ganzen Reise. Als wir im Hotel ankommen bestellen wir uns jeder ein kühles Bier und trinken das in der Hotellobby. Der Rezeptionist kommt irgendwann zu uns und spricht uns leise an. Es ist ihm offensichtlich sehr unangenehm. Er sagt uns, für ihn, das Hotel und seine Landsleute sei das alles normal und überhaupt kein Problem, aber an einem der Nachbartische sitzen einige (vermummte) Damen. Offensichtlich gehören diese zu einem nicht vermummten Mann, welcher jetzt wohl der Beschwerdeführer ist und einige Zeit nach uns die Lobby betreten hatte. Ich schaue den Hotelmitarbeiter erstaunt an und sage ihm, dass mich die Leute nicht stören und sie können ohne Probleme dort sitzenbleiben, denn wir sind äußerst tolerante Menschen. Er meint: ja, das ist es nicht, könnten Sie ihr Bier vielleicht woanders trinken? Oh da kann ich ihn beruhigen, ich sage ihm das er dem Herren ausrichten soll, dass meine Religion es mir verbietet keinen Alkohol zu trinken und ich deshalb einfach mein Bier hier trinken muss. Er lacht, meint das sei eine coole Religion und geht zurück. Kurz drauf rauscht der Kerl mit den als Schirmständer verkleideten Mädels ab. Angekommen im Zimmer heißt es nun Sachen packen und die Abreise vorbereiten. Dann geht es zu einem Barbier, Ferdi und ich lassen uns die Haare schneiden und rasieren, just for fun.

Das Abendessen in der Altstadt ist gemütlich, einige abschließende Biere, das Restgeld muss ja aufgebraucht werden. Dann geht es zum Hafen, wir genießen eine Rundfahrt und den nächtlichen Blick vom Meer auf Baku. Ein paar weitere Bier, dann ist Feierabend.

 

02.08.2019

Pünktlich ist unser Bus zur Stelle, Verabschiedung von allen unseren Begleitern und Fahrt zum Airport. Alles verläuft nach Plan, einchecken, Flug, Ankunft in Istanbul, bummeln im neuen Airport, Weiterflug nach Zürich, Abholung und Willkommensparty daheim.

 

Fazit

Es war eine spannende und erlebnisreiche Tour. Wir wurden überall freundlich behandelt. Die Organisation von Arzu war zuverlässig und hat funktioniert. Das Wetter und der lokale Guide haben uns letztlich einen Strich durch die Gipfelpläne gemacht. Das war schade, aber es war absolut notwendig und richtig unter diesen Bedingungen, die Entscheidung zur Umkehr zu treffen. 

Aserbaidschan ist eine Reise wert, Baku ist sehenswert und hat mir gefallen. Land, Leute und Essen sind „Matze-Tauglich“. Ich werde wiederkommen, dann hoffentlich mit mehr Glück was das Wetter betrifft. 

Matthias Fieles alias Matze-Sherpa

 

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