Aserbaidschan: Bazar Dyuzi 4.466m

Bestiegen am 10.08.2022 zusammen mit

Jos, Steven, Ferdi, Wolfgang

 

 

41° 13' N; 47° 52' E

Aserbaidschan liegt an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien. Es grenzt an die Russische Föderation, Georgien, Armenien und den Iran. Die Republik Armenien teilt Aserbaidschan in zwei unterschiedlich große Gebiete, der kleinere Teil liegt im Westen, im Kleinen Kaukasus, der größere erstreckt sich im Osten, vom Großen Kaukausus bis zu den Steppen der Muganskaja Ravnina und dem Kaspischen Meer.

Die höchsten Erhebungen sind der Schachdag (4.243 m) und der Bazar-Dyuzi (4.466 m).

Bazar Yurt and Bazar Dyuzi, Foto by Kupr

Bazardyzy 4.466m Zweiter Versuch, Start 05.08.2022

 

Nachdem wir im Juli 2019 auf 4.050m umdrehen mussten, der Besteigungsversuch 2020 auf Grund der Covid19 Pandemie ausfiel und 2021 die Organisation bereits im Ansatz scheiterte, war es jetzt 2022 so weit, es ging wieder los!

 

Zwei altbewährte Mitstreiter für mein Vorhaben hatte ich gleich gefunden. Wolfgang und Ferdi sagten sofort zu. Etwas später fragte mein Freund Jos, ob das auch etwas für ihn und seinen Bruder Steve wäre. Nach kurzer Beratung mit Wolfgang und Ferdi, sagte ich Jos zu und er und sein Bruder bereiteten sich auf ihren ersten Viertausender vor. Beide mussten sich nun die notwendige Ausrüstung kaufen oder leihen.

 

Die Vorbereitung auf diese Tour, was mein Training betrifft, war allerdings für mich mit einigen Problemen behaftet. Im Mai hatte ich einen Fahrradunfall (auf Grund eigener Blödheit). In der Folge kämpfte ich mit gebrochenen Rippen und einem verletzten Daumengrundgelenk an der linken Hand.

Als ich mich im Juli einigermaßen wieder erholt hatte, kam es auf meinem Weg zur Arbeit, am 19.07.2022 wieder zu einem Crash. Ein Reh kreuzte meinen morgendlichen Weg ins Büro, Reh und Rad blieben heil, mich hatte es aber gründlich zerlegt. Rippe erneut gebrochen, großflächige Schürfwunden auf der kompletten linken Körperseite, demolierter Ellenbogen und ein gestauchter großer Zeh, waren das Ergebnis. Damit war mein Trainingsprogramm, so kurz vor Abreise, wieder gestoppt. Irgendwie quäle ich mich durch diese Zeit, organisiere in der Firma meine anstehende Abwesenheit, packe mein Reisegepäck, organisiere Ausrüstung und Lebensmittel für das Team und beantworte gefühlt tausende Fragen.

5 Tage vor Abreise fehlt uns noch immer ein Visum für Ferdi, der Adrenalinspiegel steigt und angespannte Stunden vergehen, bis dann am 01.08.22, nur 4 Tage vor Abflug, mein Freund Arzu das fehlende Visum für Ferdi zusendet. Puh, was für ein Horror.

 

Meine Mitstreiter rufen immer wieder an und speziell die beiden Viertausender Neulinge haben viele Fragen. Geduldig versuche ich alles abzuarbeiten. Es wird gepackt und endlich ist es so weit. Morgen startet der Flieger, wenn er denn startet. Die Lufthansa macht mit ihren Streiks und die Flughäfen mit ihrem Personalmangel und Problemen durch Überlastung, das Fliegen in diesem Jahr zu einem Glücksspiel. Flüge werden ständig gecancelt, umgebucht, Gepäck kommt nicht an usw., es bleibt also spannend, ist der Zubringer pünktlich, erreichen wir den Anschlussflug oder kommt das Gepäck vollständig an?

05.08.2022

Dagmar, Ferdis Freundin, fährt uns zum Flughafen, Ferdi, Wolfgang und ich fliegen ab Zürich.

Gefühlt habe ich in der letzten Nacht nicht geschlafen. Wir planen extra viel Zeit vor Abflug ein. Aber alles funktioniert, das gesamte Gepäck, 4 große Packsäcke und das Handgepäck, ca. 120 Kg, geht anstandslos durch. Wir sind pünktlich am Gate und die Maschine startet und landet auch pünktlich in Frankfurt. Dort warten schon Jos und Steven, die via Amsterdam angereist sind. Für mich gibt es ein Wiedersehen, für die anderen im Team das erste „Beschnuppern“ und Kennenlernen. Aber wie eigentlich immer passt es und unser Team versteht sich ab der ersten Minute.

Der Weiterflug nach Baku ist, dank der durch Jos gesponserten Sitzplätze, sehr komfortabel.

Die Ankunft erfolgt mit einiger Verspätung, dann kommt das Einreiseprozedere und langes Warten auf unsere Gepäckberge. Alles ist tatsächlich vollständig und unzerstört angekommen.

 

Wieder ein Stück näher am Ziel. Arzu ist wie gewohnt zuverlässig, er steht am Airport und holt uns ab, er organisiert den Transfer in die Stadt zu unserem Hotel und gibt uns nützliche Ratschläge. Ich freue mich sehr ihn wiederzusehen. Nach der Tour 2019 hatten wir den Kontakt nicht abreißen lassen. Mein Versuch 2020 gemeinsam mit Arzu, eine Besteigung des Bazardyzy zu organisieren, schlug auf Grund der Covid Pandemie leider fehl. Die beiden Mitstreiter Thomas und Frank, welche 2020 mit wollten, konnten in diesem Jahr leider aus familiären Gründen nicht mitreisen.

 

Wiedersehensfreude, dann die Fahrt zum Hotel und unser erster Abend, eigentlich schon Nacht, in der Stadt beginnt. Wir bringen unser Gepäck in das Hotel und gehen in die Altstadt zum Essen. Arzu warnt uns noch, geht nicht direkt in der Altstadt, da isst man zu teuer.

Wir sind müde, keiner hat mehr Lust weit zu laufen. Ein paar Meter vom Hotel weg, werden wir von einem geschäftstüchtigen Restaurantmitarbeiter in das Lokal Qazmaq gelockt. Wir begehen den Fehler und lassen uns darauf ein. Wir werden grandios abgezockt, teurer haben wir auf dieser Reise nirgends gegessen.

 

06.08.2022

In Baku ist es brütend heiß, im Gebirge ist das Wetter aber schlecht. Es regnet dort und ist kalt. Ich verschiebe unsere Pläne kurzfristig um einen Tag und wir bleiben eine Nacht länger in Baku. Wir verbringen den Tag in Shoppingcentren, diversen Sportgeschäften und organisieren Gaskartuschen, noch einige Lebensmittel und gehen, dann zu vernünftigen Preisen essen. Der Tag vergeht wie im Flug.

 

07.08.2022

Auschecken aus dem Hotel, unser komfortabler Bus steht parat und wir verstauen unser Gepäck.

Kurzer Zwischenstopp in einem Supermarkt, noch ein paar Lebensmittel kaufen und los geht es.

Raus aus Baku werden irgendwann auch die Straßen schmaler und schlechter, grundsätzlich kommen wir aber gut voran. Das Wetter wird schlechter, je weiter wir nach Norden kommen. Wir stoppen in Quba um kurz die Innenstadt und eine Synagoge anzuschauen. Dann geht es weiter immer höher und immer abenteuerlicher in das Gebirge hinein, immer dem Canyon des Flusses Gudy Valcay folgend.

Wir kommen am Nachmittag in Xinaliq an. Unser Gastgeber Vaik zeigt uns unser Nachtlager. Alles hier ist sehr einfach, die Betten, die Toiletten, die Waschmöglichkeit usw., alles ist mit und aus einfachsten Dingen gebaut und improvisiert, aber das ist eben auch Abenteuer.

Zum Abendessen gibt es ein Gericht namens „Drei Schwestern“, bei uns würden wir sagen: gefüllte Paprika“. Es nieselt und das Wetter macht mich nicht wirklich happy.

 

08.08.2022

Es gibt ein mageres Frühstück, Tee und dann packen wir unsere Sachen.

Die Stadtkleider und was wir nicht am Berg brauchen, bleibt alles hier bei Vaik. Unser Transportmittel, ein russischer UAZ-Geländewagen, steht vor der Tür und unser einheimischer Guide (welchen wir buchen mussten) steht vor der Tür. Die Begrüßung ist nicht wirklich herzlich, hatten wir doch vor drei Jahren keine so gute Tour gehabt. Dieses Mal wird es zwischen uns anders laufen. Klare Ansagen, so das alle Seiten wissen was erwartet wird und immer nochmal prüfen, ob der Gegenüber verstanden hat, was man will. Wir klettern in den UAZ und es passen tatsächlich 7 Personen inklusive Fahrer und Gepäck in das Fahrzeug. Zwei Leute im Kofferraum, drei auf der Rückbank, zwei vorn. Das Gepäck kommt auf das Dach.

 

Das Wetter ist immer noch durchwachsen, die Vorhersage eher schlecht. Meine Stimmung ist deshalb nicht so großartig. Wir fahren die wilde Piste zum Gate des Nationalparks. Diese Strecke gilt hier noch als Straße. Relativ schnell können wir dieses Jahr von dort weiterfahren, bis zur Schranke, an der das Militär steht. Wir betreten Grenzgebiet, dafür benötigt man eine Genehmigung. Wir haben diese Permits, trotzdem es dauert alles seine Zeit. Jeder Name wird per Funk durchgegeben und nach einem ewigem Hin und Her geht der Schlagbaum hoch und wir dürfen losfahren. Jetzt wird es wieder spannend, die Strecke neben, durch und im Flussbett entlang, ist unglaublich. Man hält es für nicht möglich, welche Pisten der UAZ bewältigt. Der Fahrer versteht seinen Job und wir kommen irgendwann im Camp 1 auf 2.853 Meter Höhe an. Wir bauen unsere Zelte auf, kochen etwas, essen und als wir fertig sind fängt es an zu regnen. Frustriert krieche ich in mein Zelt und versuche zu schlafen. Meine gebrochene Rippe macht mir zu schaffen und besonders beim Liegen auf der Isomatte habe ich ziemliche Schmerzen. Irgendwann finde ich dann doch ein wenig Schlaf, den anderen im Team geht es wohl ähnlich.

 

09.08.2022

Wir kriechen am späten Morgen aus den Zelten, die Wolken hängen tief im Tal, aber es hat aufgehört zu regnen. Wir frühstücken, es gibt Müsli mit Früchten. Die Wolken reißen ein wenig auf und die Zelte trocknen ab. Es gelingt uns alles trocken einzupacken, dann zieht unsere Karawane schwer beladen los. Am Fluss entlang steigen wir aufwärts in Richtung Camp 2. Die Strecke ist technisch nicht wirklich schwierig, trotzdem gibt es reichlich Stellen, an denen Fehltritte böse enden würden.

Langsam arbeiten wir uns hoch bis zum Camp 2 auf 3.226m. Bevor wir dort angekommen und wir unser Lager aufbauen können, müssen wir noch den Fluss überwinden. Das geht dieses Mal deutlich einfacher als vor drei Jahren. Das Team arbeitet gut zusammen und schnell sind alle inklusive Gepäck auf der anderen Seite des Flusses.

 

Sobald die Zelte stehen, machen wir Siesta. Das Wetter ist durchwachsen, tiefhängende Wolken wechseln sich mit kurzen sonnigen Momenten ab. Für den nächsten Tag ist schönes Wetter angesagt, ich hoffe das die Vorhersage stimmt. Wir kochen Abendessen und packen unsere Rucksäcke für den nächsten Tag. Wir besprechen nochmals den Plan für den nächsten Tag und dann geht es in die Schlafsäcke. Es fängt an zu nieseln, na prima.

 

10.08.2022

Es ist 3:00 Uhr, mein Wecker holt mich aus einem unruhigen Schlaf, die Rippe schmerzt.

Raus aus dem Zelt in die kalte Nacht, die Sterne leuchten unglaublich klar vom wolkenlosen Himmel. Das Wetter verspricht super zu werden. Kaffee kochen, ein wenige Müsli essen und dann starten wir zur Gipfeletappe. Es geht erst leicht bergauf, entlang dem Fluss in Richtung Talschluss, das spart uns die morgendliche Flussquerung. Wir überschreiten den Fluss so weit oben, dass wir völlig problemlos über ein Eisfeld gehen können. Dann geht es steil aufwärts in einem unangenehm rutschigen und weichen Feinschutt. Zum Teil macht man zwei Schritt hoch und rutscht einen Schritt zurück. Unser Team kämpft sich langsam, aber stetig die steilen Flanken hoch. Wir versuchen regelmäßig Pausen einzulegen. Das Team arbeitet hervorragen zusammen, man hilft sich gegenseitig und wir kämpfen uns allmählich höher. Technisch ist das hier alles problemlos, die Höhe musst Du aber trotz allem aushalten. Meine schmerzende Rippe blockiert das Atmen, den Schmerz kann ich mental wegdrücken, Luft bekomme ich aber nicht gut. Irgendwann sind wir auf 4.050m, am Grat gegenüber sehe ich die Stelle, auf der wir drei Jahre zuvor umdrehen mussten. Ich bin mir jetzt sehr sicher, dieses Mal wird es funktionieren, wir kommen da hoch. Wir machen eine Pause, dann geht es weiter.

 

Auf den letzten Höhenmeter gehen wir über einen Grat, welcher uns zum Gipfelplateau des Bazardyzy leitet. Die letzten Meter fordern uns nochmals. Dann sind wir endlich auf 4.466m und damit am Gipfel. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, wir haben eine unglaubliche rundum Sicht. Beeindruckend der Blick in Richtung Dagestan, ehrfurchtsvoll schaue ich die Nordseite des Berges herunter, zum technisch deutlich schwierigeren Aufstieg, von der russischen Seite.

Wir beglückwünschen uns gegenseitig, Fotografieren und genießen die Aussicht. Das übliche Gipfelbild mit der Badener Flagge wir gemacht. Ich bin happy, endlich ist auch dieser Berg in meine Sammlung eingereiht, jetzt fehlen mir noch 4 Berge zum Abschluss meines Projekts. Drei davon sollten sicher machbar sein.

 

Voller Glückshormone treten wir den Rückweg an. Bergab geht es deutlich schneller und in dem weichen Material machen wir zügig Strecke, oft auf dem direkten Abstiegsweg. Das spart Kraft und schont die Gelenke. Bald können wir unser Camp sehen, aber bis das endlich näherkommt, da vergeht schon einige Zeit und unser Team muss sich noch etwas quälen. Am Ende sind alle platt als wir endlich zu unserem Lager kommen. Wir legen uns in die Zelte und ruhen etwas aus, dann mache ich mich daran, das Abendessen zu kochen. Leider versalze ich die Sauce zu den Spagetti komplett und das Abendessen ist denn eher kein Genuss. Müde ziehen wir uns in die Schlafsäcke zurück und ich schlafe heute recht zügig ein.

 

11.08.2022

Am Morgen brechen wir das Lager ab. Alles muss wieder verpackt werden, die Rucksäcke sind leichter und trotzdem zu schwer. Jetzt heißt es nochmal konzentriert gehen und den Abstieg unfallfrei meistern. Es geht runter zum Camp 1, dort wartet bereits unser UAZ-Fahrzeug.

Das Gepäck wird auf dem Dach verstaut und dann geht das Gerumpel in Richtung Xinaliq wieder los.

Wir ertragen stoisch das Gerüttel und meine Rippe „freut“ sich über jeden Schlag.

Auch bei der Ausfahrt aus dem Grenzgebiet wird alles akribisch kontrolliert. Es könnte ja sein, dass einer der Westler heimlich dableiben möchte. Unwahrscheinlich, aber möglich. Klar sind wir alle vollständig, freuen uns auf die Rückfahrt, etwas zu essen, Bier und eine heiße Dusche am Abend. In Xinaliq müssen wir dann noch ein paar Stunden auf unseren Fahrer warten. Wir lungern im Garten von Vaik herum und chillen. Dann kommt unser Fahrzeug und wir nehmen Abschied von Xinaliq. Auf der Rückfahrt geht es wieder durch den spektakulären Canyon. Wir stoppen an einem Restaurant und genießen ein ganz brauchbares Essen und unser wohl verdientes Xirdalan (Bier). Dann geht es Retour nach Baku. Gegen Abend kommen wir in Baku an. Das Hotel war erst ab 12.08.22 gebucht, ich versuche von unterwegs die Buchung um einen Tag vorzuverlegen. Es funktioniert, aber dabei lasse ich mich darauf ein, dass man uns in ein Hotel in der Nähe umbucht. Wir sind ziemlich entsetzt als wir dort einziehen, die Zimmer sind schmutzig, die Bäder verschimmelt und das Hotel in einem maroden Zustand. Es ist spät und ich mache meinem Ansprechpartner Edwin im Hotel klar, hier bleiben wir nur eine Nacht, das Hotel haben wir so nicht gebucht. Er verspricht mir sich morgen um alles zu kümmern. Der Abend wird lang und lustig. Wir feiern unseren Gipfelerfolg und unsere beiden holländischen Mitstreiter, ihren ersten Viertausender, mit einem guten Essen und reichlich Bier. Wir sitzen in fröhlicher Runde bis weit nach Mitternacht, bei Snacks und Bier in einem Straßenlokal.

 

12.08.2022

Wir ziehen um in ein anderes Hotel, dieses ist in Ordnung, aber sicher kein Highlight. Heute kommen meine Schwiegereltern aus Kaliningrad, mein Partnerin Mariya und Emanuel aus Zürich. Auf Grund der Sanktionen, erst auf Grund Corona und dann wegen des russischen Krieges, dürfen Mariyas Eltern nicht nach Deutschland einreisen. Sie haben ihr Enkelkind und Ihre Tochter nun fast zwei Jahre nicht mehr gesehen. Meine Team Kollegen sind in der Stadt unterwegs, ich kümmere mich um die Abholung der Schwiegereltern. Arzu ist pünktlich zur Stelle und wir holen Mariyas Eltern vom Flughafen ab. Ich bringe sie zum Hotel, wir gehen etwas essen und dann muss ich mich um die nächste Tour kümmern, Mariya und Emanuel abholen. Ich freue mich darauf, meine Liebsten in Empfang zu nehmen. Mit Verspätung treffen sie in Baku, wir fahren zum Hotel. Hier gibt es ein Wiedersehen. Da wir bis kurz vor Abflug nicht wussten, ob alles funktioniert, haben wir Emanuel nicht erzählt, dass Oma und Opa auch hier sind. Er fragt, wer denn im Zimmer neben uns wohnt, ich ermuntere ihn zu klopfen und es gibt ein Wiedersehen mit vielen Tränen. Dann gehen wir schnell noch etwas Essen und ab ins Bett.

 

13.08.2022

Der Tag wird faul, wir quatschen, streunen durch die Stadt und besuchen das Hedar Aliev Museum. Am Abend hat Jos eine Überraschung für uns und lädt uns in ein großartiges Lokal ein. Bei Livemusik und gutem Essen wird palavert, die Tour nochmals besprochen und die eine oder andere Berggeschichte zur Erheiterung erzählt.

 

14.08.2022

Mein Magen rebelliert ein wenig. Wir faulenzen etwas und gehen am Abend gemeinsam Essen. Danach laufen wir in Richtung Hafen und treffen uns dort zu einer gemeinsamen Bootsrundfahrt.

Der Anblick des nächtlichen Baku lässt Urlaubsstimmung aufkommen.

 

15.08.2022

Meine Mitstreiter fliegen heute zurück. Es geht von Baku via Frankfurt nach Zürich bzw. nach Amsterdam. Wir wollen heute in einen Beachclub in der Nähe von Baku. Es wird ein chilliger Tag am Pool. Beim Toben im, haut mir Emanuel versehentlich mit dem Knie gegen den Ellenbogen.

Dort habe ich eine kleine Schürfwunde, diese platz auf und beginnt sich im Laufe des Tages zu entzünden. Die Nacht über wird mein Arm heiß und sieht nicht gut aus.

 

16.08.2022

Mein Arm schmerzt und sieht verdammt übel aus. Ich fotografiere den Arm und sende die Bilder an Wolfgang. Er sagt, bitte geh sofort zu einem Arzt. Mariya und ich machen uns auf die Suche nach einem Hospital. Die Google Suche zeigt uns ein „German Hospital“. Für mich als deutschen Patienten, ist es klar, dass dies die erste Adresse für uns ist! Allerdings stellt sich vor Ort heraus, man ist hier auf Nasenkorrekturen spezialisiert und eine Gynologische Abteilung gibt es hier auch. Schön, aber beides für mich eher ungeeignet. Wir bekommen eine Adresse eines Arztes, welcher informiert wird und auf uns wartet. Leider gibt die Dame am Empfang in mein Smartphone nicht die Adresse des Arztes ein, sondern die Adresse der Taxizentrale. Schön, dass wir die auch sehen dürfen. Im Geschäftshochhaus erklärt uns ein netter Herr, dass sich in etwa 10 Minuten zu Fuß, ein Hospital namens Mediland befindet. Wir laufen durch die flirrende Hitze und kommen dort an. Nach kurzem Hin und Her werde ich behandelt und liege kurz nach Ankunft schon auf dem OP-Tisch. Der Doktor ist ein sehr netter Typ, der sein Handwerk versteht und ich fühle mich in guten Händen. Mariya wartet tapfer auf mich und sorgt sich um meinen Arm. Nach der OP geht es zurück ins Hotel und ich ruhe mich erst einmal aus.

Die folgenden Tage vergehen unspektakulär mit der Familie, Terminen zum Verbandswechsel, Mariyas Geburtstag und Essen gehen, Stadtbummel, Shopping Mall besuchen usw.

 

20.08.2022

Der Rückflug für alle, Mariyas Eltern via Moskau nach Kaliningrad unsere Flüge via Frankfurt nach Zürich, laufen nach Plan und es gibt keinerlei erwähnenswerte Details.

 

Fazit: Im zweiten Anlauf hat es funktioniert! Die Tour war erfolgreich, das Team hat super zusammengepasst und hervorragend zusammengearbeitet. Ferdi, Wolfgang und ich, konnten wieder einen weiteren Viertausender abhaken, Jos und Steven ihren ersten Viertausender.

Dank der Unterstützung von Arzu, konnten wir das Projekt realisieren. Dafür nochmal einen großen Dank an meinen Freund in Baku!

 

Danke auch an Dr. Türkel Hüseynov, welcher meinen Arm wieder in Ordnung gebracht hat.

 

Für mich war der Berg ein weiterer Schritt voran in meinem Projekt „European Summit Challenge.

Hierbei will ich jeden höchsten Punkt besteigen, von jedem europäischen Land und jeder autonomen Region. Es fehlen jetzt in der offiziellen Liste noch, der Mt. Blanc für Frankreich, der Monte Bianco de Courmayeur für Italien, der Newtentoppen für Spitzbergen und der Shkhara für Georgien. Letzterer wird vermutlich ein Traum bleiben. Technisch und logistisch ist dieser Fünftausender eine harte Nuss.

 

Spitzbergen wird eine finanzielle Frage sein, hier muss man sehen, ob es enthusiastische Sponsoren gibt, die Lust haben so ein Projekt zu fördern.

 

In meiner persönlichen Liste fehlen da noch ein paar weitere Punkte. So würde ich gern noch die jeweils höchsten Punkte der tschechischen Enklave im Hamburger Hafen, den höchsten Punkt des Freistaat Christiana und die höchsten Punkte des Friaul, sowie der Region Aosta Tal besuchen. Dann gibt es noch die italienische Exklave Campione in der Schweiz, die Schweizer Enklave Samnaun, die Schweizer Exklave Indemini in Italien. Die Welt ist voller Projekte, also es gibt immer was zu tun ?

Matthias Fieles

 

 

 

 

 

Erster Versuch 2019

Tour zum höchsten Berg in Aserbaidschan, Bazardyzy 4.446m

 

Am 22.07.2019 war es endlich soweit. Nach rund drei Jahren der Kontaktaufnahmen, vergeblichen Versuchen die notwendigen Permits zu beschaffen und einem Versuch für 2018, welcher leider schon im Ansatz scheiterte, sollte es nun endlich klappen diese Tour zu organisieren!

 

Scheinbar unzählige bürokratische Hindernisse galt es zu überwinden. Über etliche Jahre hatte ich immer wieder Kontakt zu Arzu Mustafaev. Irgendwie wollte aber die Organisation nicht richtig voran gehen. Emails blieben monatelang unbeantwortet, wenn eine Antwort kam, dann wurden oft nur einige Fragen beantwortet oder eben aus meiner Sicht nicht vollständig. So hatte ich dann fast bis zum Schluss noch berechtigte Zweifel, ob ich diese Tour wirklich organisiert bekomme. 

 

Ein tolles Team hatte sich für diese Tour schnell gefunden. Maximal mit 10 Leuten wollte ich unterwegs sein, 10 Leute inklusive mir waren dann schnell zusammen gekommen. Wieder gingen unzählige Emails an Arzu und meine Geduld wurde strapaziert. 

 

Irgendwann teilte mir Arzu mit, dass er nach Berlin zur weltgrößten Touristikmesse der ITB kommen wird. Von meinem Wohnort sind es über 800 km nach Berlin, also nicht eben mal schnell hin.

Zwei Geschäftstermine die ich in der Nähe von Berlin hatte, erleichterten mir die Organisation des Treffens. Ich musste also lediglich schon an einem Samstag nach Norden fliegen, statt wie geschäftlich notwendig, am Montag.

 

Kein Problem und ein Besuch bei meinen Eltern ließe sich so auch noch mit einbauen.

Also eine „win win win“ Situationen ;-)

 

Dieses Meeting veränderte dann doch einiges. An einem Samstag im März ging es nach Berlin, meine Partnerin Mariya holte mich dort mit ihrem Auto ab und dann ging es zur Messe. Einige Kaffees später und nach dem üblichen „Kennenlern-Geplänkel“, sprachen wir über meine konkreten Pläne für dieses Jahr und Arzu meinte, ja klar, alles absolut kein Problem. Er findet mein Projekt super und möchte mir dabei helfen. Ab da wurde wirklich jede Email beantwortet, das ganze Projekt nahm plötzlich Konturen an und ich ging an die Umsetzung, buchte Flüge, organisierte über Arzu die Visa, notwendigen Genehmigungen, Transfers, Hotels und zig andere Dinge.

Wie viele Abende ich letztlich mit dem iPad auf der Brust eingeschlafen bin, ich kann es nicht sagen.

Letztlich entschied ich mich für Flüge via Istanbul mit Türkischen Airlines, da hier das Preisleistungsverhältnis, die Gepäckregelung (30 + 8 KG) und die Abflug- und Ankunftszeiten, am besten passten.

 

Die Flut an Telefonaten, Whatsappnachrichten und Emails riss irgendwie nicht ab. Geduldig versuchte ich alle Fragen meiner Mitstreiter, auch oft mehrfach, zu beantworten. Ein Vorab Meeting mit gemütlichem Grillabend brachte alle auf den aktuellen Informationsstand und nun wurde für mich langsam klar, es geht diesmal wirklich nach Baku. Ein weiteres Land (derzeit über 100) und eventuell ein weiterer Berg, bzw. „Landes-Höchster“ sollten in die Sammlung eingereiht werden. Nach diversen gelungenen Besteigungen in 2017, 2018 und im Mai 2019 war ich im Peakbagger Ranking mal wieder auf Platz 1 der „Peakbagger Comprehesiv List“. Nur ein Punkt Vorsprung vor der Schwedin Emma Svensson, die in 2018 ein unglaubliches Tempo vorgelegt hatte. Nun war mein Plan diesen Vorsprung ein wenig auszubauen.

 

21.07.2019

Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub. Die letzten Wochen vergingen wie im Flug. In der Firma waren viele wichtige Projekte am Laufen, privat gab es Neuerungen, Mariya und ich hatten uns entschieden nach meinem Urlaub unsere getrennten Haushalte zusammen zu legen und Mariyas Umzugsvorbereitungen waren in vollem Gange.

Der letzte Tag war so vollgestopft mit Vorbereitungen und Absprachen, da war keine Zeit zum Nachdenken oder für Reisefieber. Die Ausrüstung hatte ich gepackt, eine gewisse Routine hat sich da bei mir bereits eingestellt. Es war ja nun nicht die erste Tour ;-)

 

Am Abend ging es dann nach Öflingen ins Restaurant „Vorderhus“ zum Abendessen. Hier genossen wir den Abschiedsabend, lernten noch ein nettes Paar kennen und trafen uns mit Nathalie und Thomas, welche den Abend vor dem Abflug bei uns übernachteten. Es wurde ein wirklich schöner Abend mit Freunden.

 

 

22.07.2019

Sehr früher Aufbruch zum Flughafen, problemloses Einchecken der ganzen Ausrüstung und ein Flug via Istanbuls neuen Flughafen, wo wir mit einem schnellen Effes auf Ferdis Geburtstag anstoßen konnten, brachten uns nach Baku. Hier erwartete uns bereits Arzu, welchen mit einem großen Schild und dem aufgedrucktem Bergwaerts-Logo an der Gepäckausgabe wartete. Wie er da wohl reingekommen ist? Normalerweise kommt man ja nur bis zur Ausgangstür...

Ein kurzer Transfer zum Hotel, einchecken und dann ein schnelles Abendessen in einem Imbiss mit Plastikstühlen.

 

23.07.2019

Wir sind nach dem Frühstück mit unserem Stadtführer Yussif verabredet. Unser fröhlicher Busfahrer vom Vortag und unser Guide für die Stadt, Yussif, holen uns am Hotel ab und es geht zum brennenden Berg  Yanar Dağ 

(  https://de.m.wikipedia.org/wiki/Yanar_Dağ )

Wir laufen bei starkem und heißem Wind durch die touristisch aufbereitete Sehenswürdigkeit und fahren von dort wieder Richtung Altstadt. 

Baku ist eine wirklich spannende Metropole, ca. 2,2 Millionen Einwohner, extreme Gebäude und Architektur, viel Glanz und oft ein wenig mehr Schein als Sein. Trotzdem absolut sehenswert, sauber, sicher und mit vielen freundlichen Menschen. Man ist international, viele sprechen deutsch, englisch, türkisch und historisch bedingt auch russisch. Mit wem auch immer man spricht, immer wieder wird die Nähe zum großen Bruder, der Türkei, herausgestellt. Wir bummeln durch die Altstadt, genießen das Wetter, das Treiben und lassen uns das Xirdalan (einheimische Biermarke) und Essen schmecken. Es wird spät und müde geht es zurück in unser Hotel.

 

24.07.2019

Unser Bus steht bereits vor dem Hotel. Wir verladen unsere ansehnlichen Gepäckberge, Packtaschen, Zelte und mehr. Dann noch ein Stopp bei Arzus Büro um eine Gasflasche und einen Kocher zu holen, ein Stopp an einem Supermarkt, hier kaufe ich das notwendige Essen, Trinken usw. für die Zeit am Berg ein. Voll beladen geht es jetzt los in Richtung Xinaliq auf 2.100 Meter das höchst gelegene Dorf des Landes, dem Ausgangspunkt für unsere Bergtour.

Unser freundlicher Busfahrer und Yussif legen ab und zu einen kurzen Halt ein, die Landschaft wird bergiger und die Straßen schlechter. Wir fahren, zum Teil wirklich steil, via Quba/Kuba entlang am Fluss Gudiyalchay, nach Xinaliq/Khinalig. An einem besonders steilen Straßenabschnitt lässt unser Busfahrer alle Männer aussteigen und fährt langsam mit vermindertem Gewicht die steile Passage. Wir Kerle müssen halt laufen. Kurz vor dem Dorf hat unser Bus eine Reifenpanne und wir laufen noch ein Stück bis zur Unterkunft. Unser fröhlicher Busfahrer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und wechselt in aller Gemütlichkeit das Rad, wie immer freundlich lächelnd, Goldzähne blinkend.

 

Angekommen beziehen wir unsere einfache Unterkunft bei einer Bauernfamilie. Mit einfachen Mitteln wurde hier der Stall umgebaut zum Gästehaus. Alle bekommen einen Schlafplatz und ein reichhaltiges, frisch gekochtes Abendessen. Wir palavern noch ein wenig und dann geht es ab in die „Buntkarierten“. Irgendwie kann ich nicht einschlafen und höre noch ein wenig Hörbuch.

 

25.07.2019

Frühstück und „Packstress“, wir lassen die “Stadtkleider“ und alles was wir am Berg nicht benötigen in der Unterkunft. Ich bin völlig übermüdet. 

Ein geländegängiges Fahrzeug soll uns abholen, unseren Guide für die Bergtour (der verpflichtend mit dabei sein muss, gebraucht hätten wir den nicht) sollen wir heute kennenlernen. 

Der Guide kommt, spricht kein Wort Englisch, kaum Russisch. In unserer Gruppe können wir Deutsch, Englisch, mindestens zwei von uns sprechen hervorragend Französisch, zwei von uns sprechen Italienisch und etwas Russisch kann ich auch noch anbieten. Leider beherrscht keiner von uns Chinalugisch, ein Idiom welches nur von ein paar hundert Menschen weltweit gesprochen wird. Ich denke noch, naja mit Händen und Füssen, wenn man will kann man sich immer irgendwie verständigen. 

 

Der geländegängige Transport stellt sich als altersschwacher GAZ-66 heraus und kommt mit über einer Stunde Verspätung.

Spitzname  шешерик (Schescherik) (  https://de.m.wikipedia.org/wiki/GAZ-66 )

Die Produktion wurde 1999 eingestellt, unser Fahrzeug dürfte deutlich älter sein. Wir nehmen auf der rostigen Ladefläche Platz, immer aufpassend sich nicht an hervorstehenden Schrauben oder scharfkantigen Schweißnähten, zu verletzen. Das klappt soweit, nur meine Hose überlebt die Tour nicht.

 

Wir fahren los, am Tor zum Nationalpark ein recht 

kurzer Stopp, dann weiter zum Gate der Grenzkontrolle, hier ist aber dann gleich wieder Schluss. Ewig stehen wir in der knall heißen Sonne.

Irgendwelche Papiere sind scheinbar nicht in Ordnung, keiner erklärt was los ist, wir stehen rum und warten. Ich verbrenne mir den Nacken und die Füße, was für ein Scheiss.

Dann kommt plötzlich unser Herbergsvater angefahren, irgendeinen Zettel hatte er nicht ausgefüllt, es gibt Schelte von den Uniformierten und dann geht es endlich los. Wir haben noch ein paar Schäfer dabei und Unmengen Brot, die Schäfer und das Brot werden unterwegs ausgeladen. Es geht durch ein weites Tal, mehrere Fluss Durchfahrten, abenteuerliche Offroadpisten und steile Auf- und Abfahrrampe müssen überwunden werden. Für uns auf der Ladefläche nur am Anfang spaßig. An jeder Stelle mit erreichbarem Wasser hält der Fahrer an und füllt den Kühler auf. Das kostet zusätzlich Zeit. Irgendwann kommen wir am Lager 1 (auf 2.853m) an und können runter von diesem Folterinstrument. Zelte aufbauen, Lager einrichten, Abendessen vorbereiten. Ein Teil der Gruppe macht einen Akklimatisierung-Ausflug bergauf, in Richtung Ziel, durch eine enge Schlucht.

 

Ich bereite das Abendessen vor, koche für 11 Leute auf einem Gaskocher mit einer Flamme, das Ganze ist gar nicht so einfach und verlangt gute Organisation. Dem Team schmeckt mein Essen, es gibt Reis mit Gemüse und Fleisch. Gar nicht so übel, wird mir jedenfalls bestätigt. 

 

Der Guide erklärt mir, dass wir um 3:30 Uhr starten, dann verzieht er sich in sein Zelt und ward nicht mehr gesehen. Hmmm, halb vier für den Aufstieg in das Lager 2, was für ein Blödsinn denke ich noch so bei mir.

Aber egal, dann penne ich halt weiter oben am Tag etwas länger.

 

26.07.2019

3:30 Uhr steht die Mannschaft zum Abmarsch bereit, die Zelte sind abgebaut, ich habe Tee gekocht unser Guide kommt aus dem Zelt und fragt warum wir die Zelte abgebaut haben. Erst will ich die Gebärdensprache nicht richtig verstehen, aber der meinte das ernst. 

Er hatte vor direkt vom Lager 1 zum Gipfel zu gehen und zurück in das Lager. Das wär ein verdammt langer Tag, rund 35 Kilometer und über 1.600 Höhenmeter. Aber das hätten wir gestern wissen müssen, die Rucksäcke wären anders gepackt gewesen, mehr Wasser dabei, die Zelte noch am Platz. Ich erkläre ihm, dass das nun nicht mehr geht, die gestrige Kommunikation seinerseits schlecht war und wir in das Lager 2 gehen und erst am nächsten Tag den Gipfelversuch starten werden.

Er ist sauer und meint er müsste telefonieren. Wieder stehen wir über eine Stunde wie bekloppt in der Gegend herum und warten auf ihn. 

Irgendwann kommt er und wir ziehen los. Beim Tragen von Ausrüstung wie Kocher, Gasflasche und Verpflegung hält er sich auch dezent zurück, kein feiner Zug. 

Wir steigen langsam den zum Teil steilen Pfad, neben einem reißenden Fluss, durch eine enge Schlucht aufwärts. Unser Guide läuft immer 500 Meter vor uns, rennt los wie und bleibt dann wieder stehen um zu warten. Wir versuchen ein gleichmäßiges Tempo zu gehen, schließlich haben wir alle ordentlich Gewicht auf dem Rücken und es gibt absolut keinen Grund einen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Die Landschaft ist schön, dass Wetter noch in Ordnung. Das Camp 2 auf 3.226m erreichen wir gegen Mittag. Davor hatten wir noch, eine nicht so einfache Flussüberquerung zu meistern.

 

Zelte aufbauen, Lager einrichten, die meisten in unserem Team sind routinierte Bergsteiger und das klappt alles wie am Schnürchen. Der Himmel zieht etwas zu und das Wetter gefällt mir nicht.

Der Guide meint, dass wir morgen um 2:30 Uhr starten. Oh ha, noch eine Stunde früher, OK mir ist es recht.

Ich koche wieder und offensichtlich schmeckt es, dann wird aufgeräumt, die Rucksäcke werden gerichtet und die Ausrüstung nochmal durchgegangen. Am Abend beginnt es leicht zu regnen und dann kommt ein heftiges Gewitter. Es stürmt und regnet, ich liege im Zelt und fluche. Bei Nathalie und Thomas regnet es rein, die sind natürlich entsprechend begeistert. Immer wieder schaue ich in der Nacht aus dem Zelt und checke den Himmel. Es klart auf und zieht wieder zu. Mist. 

 

27.07.2019

2:30Uhr Nathalie will im Camp bleiben, ich lasse ein Funkgerät bei ihr und wir vereinbaren jeweils zur vollen Stunde kurz zu checken ob alles in Ordnung ist. Das Team steht komplett fertig zum Abmarsch im Nieselregen, der Guide liegt in seinem Zelt im Schlafsack. Jetzt platzt mir der Kragen.

Ich gehe zum Zelt, öffne den Reißverschluss, rüttle ihn wach und sage ihm auf Deutsch und ohne jegliche Gesten und Gebärdensprache: „Jetzt hörst mir mal zu, Du hast jetzt exakt 10 Minuten um Deinen Hintern aus dem Schlafsack zu schälen, ab dann kannst Du mich mal kräftig am Arsch lecken, weil ich dann einfach mit der Truppe zum Gipfel aufbrechen werde. Im Übrigen kannst Du drauf wetten, dass das alles hier auf meiner Webseite zu lesen sein wird und Du gerade keine Werbung für Deine Firma machst...und jetzt gib Gummi “.

Ich muss mir echt Mühe geben nicht laut zu werden.

 

Irgendwie muss er es aber verstanden haben, kurz drauf steht er fix fertig mit Helm auf dem Kopf zum Abmarsch bereit. Wir durchqueren den nun nochmal deutlich stärker angeschwollenen Fluss und das gleiche Prozedere wie am Vortag beginnt. Statt einem gleichmäßigen Tempo springt er los wie von der Tarantel gestochen und bleibt wenn er fast außer Sichtweite ist wieder stehen und wartet. Der kapiert es einfach nicht. Das Wetter wird schlimmer und schlimmer, der Sturm wird zum Teil extrem, Windböen hauen mich fast um.

Auf knapp über 4.000m, ich hatte gerade Funkkontakt zu Nathalie, habe ich auch Kontakt zu einer russische Station im Funkgerät. Sie meinen wir müssen dringend runter, das Wetter wird noch schlechter und der Sturm wird schlimmer. Was für ein Scheißdreck denke ich mir, jahrelang versuchst Du die Tour auf die Beine zu stellen und dann sowas. Der Wind ist inzwischen fast unerträglich. Also Abbruch, Abstieg, das Team ist enttäuscht, einige sind offensichtlich froh über die Entscheidung, einer nicht wirklich damit einverstanden. Aber es gibt keinerlei Diskussionen, allen ist die Situation klar und jeder weiß dass ich diese Entscheidung wirklich nicht leichtfertig getroffen habe.

Wir quälen uns durch den Wind wieder abwärts zum Camp 2. Technische Schwierigkeiten gibt es quasi keine, Augen auf und laufen.

 

Wieder über den Fluss, zurück am Camp, sind wir alle klatschnass und durchweicht, Ausrüstung und Zelte ebenfalls. Da die Permit für den Gipfel sowieso am 28.07.2019 abläuft und das Wetter immer mieser wird, gibt es nur eine richtige Entscheidung, Camp abbauen und weg von hier.

Alles wird nass eingepackt, irgendwie verstaut und dann kommt der spannende Teil, mit den schweren Rucksäcken durch den Fluss. Alle schaffen es irgendwie einigermaßen über die, von uns in den Fluss gekippten, glitschigen Steine, durch die Fluten zu hüpfen. Nur Uschi rutscht ab und taucht kurz ordentlich in die kalten Fluten. Jürgen tobt wie das HB Männchen. Aber Uschi nimmt das komplett gelassen, jammert nicht und läuft einfach stoisch durch das Dreckswetter in Richtung Camp 1. Weiter oben im Unwetter gab es einen Moment wo wir Telefonempfang hatten. Dies hatten wir genutzt um Arzu zu informieren, dass wir absteigen und ein Fahrzeug brauchen. Stunden geht es durch Sturm, Regen und Kälte bergab. Irgendwann am Lager 1 angekommen, steht das Fahrzeug das uns rausholen soll schon da. Ein Zelt hatten wir im Camp 1 stehen lassen um überzähliges Material dort zu deponieren. Das Materialzelt wird abgebaut, hierbei stelle ich fest, dass wir Besuch hatten und jemand sich nach brauchbaren Dingen umgeschaut hat. Mein Solar-Ladegerät und die dazugehörigen Kabel sind weg. Naja, das ist ärgerlich, aber alles andere ist unversehrt noch da. Wir verstauen alles auf der klatschnassen, rostigen Ladefläche des LKW, sitzen auf und los geht dass Gerumpel in Richtung Tal. Stundenlang werden wir durchgeschüttelt. Irgendwann kommen wir in Xinaliq an, wir holen die restlichen Sachen aus der Unterkunft, der Bus für den Transfer nach Baku ist schon da, diesmal ein anderer Fahrer. Arzu musste improvisieren und den Rück-Transfer etwas anders planen. Trotzdem hat er alles super gut und zeitlich perfekt abgestimmt, hinbekommen.

Wir vermissen unseren freundlichen Busfahrer von den vorhergehenden Touren. Der Kerl hier ist patzig und hektisch. Er treibt die Leute an und verlangt ernsthaft wir sollen mit den nassen und dreckigen Klamotten in den Bus steigen. Er fährt wie ein „Henker“ und raucht im Bus. Da ist der Konflikt vorprogrammiert. Egal, wir kommen lebend in Baku an und genießen eine heiße Dusche, saubere und trockene Kleider und freuen uns auf das Abendessen.

Wir treffen uns in der Altstadt und obwohl wir die Tour nicht mit einem Gipfelerfolg abschließen konnten, herrscht ausgelassene und fröhliche Stimmung. Der Frust über unseren schlecht organisierten Guide vor Ort sitzt aber speziell bei mir noch ziemlich fest. Hätte er auch nur ansatzweise seine Pläne mit mir geteilt, wir wären direkt vom Lager 1 gestartet und hätten auf Grund des besseren Wetters wenigstens eine Chance gehabt.

Man lernt nie aus...

 

 

28.07.2019

Wir schlafen so lange es geht, wir frühstücken und dann geht es ab in die Stadt.

Bummeln durch Baku, genießen es Zeit zu haben, Urlaub, wir schlendern, genießen, essen und trinken. Abendessen wieder in einem super Restaurant in der Altstadt, anschließend bis spät in die Nacht Xirdalan trinken, quatschen und Pläne schmieden. Gegen Morgen versacken wir noch in einer Bar auf einer Dachterrasse. Wir trinken Bier und genießen die Livemusik. Gegen 3:00 Uhr kommen wir erst ins Hotel.

 

29.07.2019

Heute geht es ans Kaspische Meer zum Baden. Wir frühstücken und los geht es mit unserem fröhlichen Busfahrer und Yussif. Badeplätze sind auf Grund der Ölförderung relativ rar. An einem Strand mit recht sauberem Wasser und Sand, baden wir in Sichtweite der Bohrinseln. Das Wasser ist warm und ewig weit geht es flach rein. Wir relaxen und genießen Sonne und Meer. Am Nachmittag sind wir zurück im Hotel, jeder vertreibt sich die Zeit nach seinen eigenen Wünschen. Am Abend treffen wir uns in der Stadt zum Abendessen. Der Tag klingt mit den gewohnten Bierchen im Park aus.

 

30.07.2019

Heute steht ein Ausflug zum großen Bazar auf dem Programm. Unser Fahrer holt uns ab, wir fahren durch die Stadt und schlendern anschließend durch den Bazar, welcher voll ist mit bekannten und unbekannten und exotischen  Lebensmitteln. Hier wird wirklich mit allem gehandelt. Danach geht es zu den Flametowers und einer großen Gedenkstätte für die Gefallenen diverser Kriege. Abends essen wir wieder in der Stadt und gehen anschließend zurück ins Hotel.

 

31.07.2019

Wir wollen heute die Schlammvulkane von Qobustan besuchen.

Am Morgen geht es mit unserem freundlichen Busfahrer durch Baku in Richtung Qobustan.

Hier befinden sich eine Reihe Hügel, welche die typische Kegelform der Vulkane haben. Oben gibt es einen kleinen Krater, welcher zwischen einigen Zentimetern oder Metern Durchmesse haben kann.

Daraus sabbert kühler Schlamm und Erdgas. Es gibt sogar welche bei denen Erdöl an die Oberfläche tritt und einfach in der Landschaft versickert.

Nachdem wir uns genug an den blubbernden Matschblasen erfreut haben, geht es zu den Petroglyphen von Qobustan. Wir schauen uns die Felszeichnungen an und wandern bei sengender Hitze durch die karge Landschaft.

Dann geht es zurück zum Hotel, wir machen uns frisch und ziehen uns hübsch an, dann geht es zu Arzu‘s Farm raus aufs Land. Unterwegs werden wir auf einen Parkplatz geleitet, der Präsident fährt in den Feierabend, also wird die Autobahn mit gigantischem Aufwand gesperrt. Eine Kolonne dicker Geländewagen braust vorbei und wir dürfen weiterfahren. Auf der Farm ist es wie es eben auf eine Farm (nicht nur) in Aserbaidschan zugeht. Viecher, Fliegen und ein bisschen Gestank. Alles wirkt ein wenig improvisiert, doch die Gastfreundschaft ist riesig. Es wird gekocht, gequatscht und gelacht. Irgendwann ist dann hier auch Feierabend. Wir fahren in die Stadt und lassen den Tag bei ein paar Xirdalan ausklingen.

 

01.08.2019

Ferdi und ich beschließen heute das Heydar Aliyev Zentrum zu besuchen. Nach dem Frühstück laufen wir quer durch die Stadt und besuchen das futuristische Museum. Wir schauen uns die Exponate an und bekommen einen fantastischen Espresso, ich meine, dass war der  beste Kaffee auf der ganzen Reise. Als wir im Hotel ankommen bestellen wir uns jeder ein kühles Bier und trinken das in der Hotellobby. Der Rezeptionist kommt irgendwann zu uns und spricht uns leise an. Es ist ihm offensichtlich sehr unangenehm. Er sagt uns, für ihn, das Hotel und seine Landsleute sei das alles normal und überhaupt kein Problem, aber an einem der Nachbartische sitzen einige (vermummte) Damen. Offensichtlich gehören diese zu einem nicht vermummten Mann, welcher jetzt wohl der Beschwerdeführer ist und einige Zeit nach uns die Lobby betreten hatte. Ich schaue den Hotelmitarbeiter erstaunt an und sage ihm, dass mich die Leute nicht stören und sie können ohne Probleme dort sitzenbleiben, denn wir sind äußerst tolerante Menschen. Er meint: ja, das ist es nicht, könnten Sie ihr Bier vielleicht woanders trinken? Oh da kann ich ihn beruhigen, ich sage ihm das er dem Herren ausrichten soll, dass meine Religion es mir verbietet keinen Alkohol zu trinken und ich deshalb einfach mein Bier hier trinken muss. Er lacht, meint das sei eine coole Religion und geht zurück. Kurz drauf rauscht der Kerl mit den als Schirmständer verkleideten Mädels ab. Angekommen im Zimmer heißt es nun Sachen packen und die Abreise vorbereiten. Dann geht es zu einem Barbier, Ferdi und ich lassen uns die Haare schneiden und rasieren, just for fun.

Das Abendessen in der Altstadt ist gemütlich, einige abschließende Biere, das Restgeld muss ja aufgebraucht werden. Dann geht es zum Hafen, wir genießen eine Rundfahrt und den nächtlichen Blick vom Meer auf Baku. Ein paar weitere Bier, dann ist Feierabend.

 

02.08.2019

Pünktlich ist unser Bus zur Stelle, Verabschiedung von allen unseren Begleitern und Fahrt zum Airport. Alles verläuft nach Plan, einchecken, Flug, Ankunft in Istanbul, bummeln im neuen Airport, Weiterflug nach Zürich, Abholung und Willkommensparty daheim.

 

Fazit

Es war eine spannende und erlebnisreiche Tour. Wir wurden überall freundlich behandelt. Die Organisation von Arzu war zuverlässig und hat funktioniert. Das Wetter hat uns einen Strich durch die Gipfelpläne gemacht. Das war schade, aber es war absolut notwendig und richtig unter diesen Bedingungen, die Entscheidung zur Umkehr zu treffen. 

Aserbaidschan ist eine Reise wert, Baku ist sehenswert und hat mir gefallen. Land, Leute und Essen sind „Matze-Tauglich“. Ich werde wiederkommen, dann hoffentlich mit mehr Glück was das Wetter betrifft. 

Matthias Fieles alias Matze-Sherpa

 

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Ruhelos, rastlos, getrieben.

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