Russland: Elbrus 5.642m

Bestiegen am 04.05.2014 zusammen mit Edith, Ira, Sergej, Thomas, Jürgen, JC, Roland, Holger, Fredy, Wolfgang und Johannes

Überschreitung: Aufstieg von Süden und Abfahrt über die Nordseite.

 

43° 21' 9'' N; 42° 26' 16'' E
43.352511, 42.437675 (Dec Deg)
292343E 4803150N Zone 38 (UTM)

Elbrus (Bild 2 Quelle: Wikipedia)

Elbrus – der umstrittenste der “Seven Summits” 

Wo liegt die Grenze zwischen Europa und Asien? Diese Frage bestimmt nicht nur die internationale Politik, sondern bewegt auch die Bergsteigerszene. Denn am höchsten Berg Europas scheiden sich die Geister. Für die einen ist es der 4808 m hohe Alpengipfel Montblanc, für die anderen der Elbrus, im russischen Teil des Kaukasusgebirges – je nachdem, wo man die Grenze zwischen den Kontinenten zieht.

Der „Berg der Sprachen“, wie ihn die Araber im Mittelalter aufgrund der in der Region herrschenden Sprachvielfalt nannten, ist einer von wenigen Vulkankegeln inmitten des kaukasischen Faltengebirges. Zeichen des Vulkanismus kann man dort heute noch sehen, auch wenn der letzte Ausbruch des Elbrus vor ungefähr 2000 Jahren stattfand. So treten in Gipfelnähe schwefelhaltige Gase aus dem Erdreich aus und heiße Quellen sprudeln hervor. Trotzdem ist der Doppelgipfel, der an seiner höchsten Stelle 5642 m misst, in weiten Teilen mit Schnee und Eis bedeckt. Über 70 Gletscher fließen von seinen Hängen ins Tal und bedecken rund 150 Quadratkilometer mit Eis.

Bereits die antiken Griechen bestimmten die klar erkennbaren Landmarken Bosporus und Kaukasus als südöstliche Grenze der Kontinente Europa und Asien, die untrennbar auf einer tektonischen Platte vereint sind. Der Elbrus läge demnach auf europäischer Seite. Während der Zeit der Völkerwanderung änderte sich diese Ansicht und neben dem Bosporus markierte nun der Fluss Don das Ende Europas, was den höchsten Gipfel Russlands plötzlich nach Asien versetzte. Phillip Johann von Strahlenberg, ein schwedischer Offizier im Auftrag des russischen Zaren, war es, der Mitte des 18. Jahrhunderts die letzte offizielle Grenzbestimmung lieferte. Er legte die nördlich des Kaukasus gelegene, sumpfige Manytsch-Niederung als südöstliche Begrenzung Europas fest, eine ehemalige Verbindung zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer. Auch nach Strahlenberg läge der Elbrus somit in Asien und der Montblanc wäre der höchste Berg des Kontinents.

Jedoch ist diese historische Grenzziehung nicht allgemein anerkannt und wird bis heute heiß diskutiert. So ist die Grenze Europas, in Ermangelung einer eindeutigen Definition, reine Konvention. In Bergsteigerkreisen setzt sich als höchster Berg Europas immer mehr der höhere der beiden Gipfel durch, trotzdem ist der Elbrus weiterhin der umstrittenste der „Seven Summits“.

 

Killar Kashirow, ein kaukasischer Hirte und Lastenträger, erklomm als erster den 5621 m hohen, östlichen Gipfel des Elbrus; die Erstbesteigung des 5642 m hohen Westgipfels gelang 1874 den Engländern Frederick Gardiner, Florence Crauford Grove und Horace Walker mit ihrem schweizerischen Expeditionsführer Peter Knubel. Heute zieht der Doppelgipfel, der erst seit dem Ende des Kalten Krieges wieder in den Fokus westlicher Bergsteiger gerückt ist, alljährlich rund 350000 Touristen an. Etwa fünf Prozent haben das Ziel, den Gipfel zu besteigen. Und egal wie umstritten sein Status ist – hinab steigen die erfolgreichen Gipfelstürmer sicherlich in dem Bewusstsein, den höchsten Berg Europas erklommen zu haben.

(Quelle Text: outdooractiv.com)

März 2014, die Vorbereitungen für unsere Elbrus Ski-Exped (5.642m) sind fast abgeschlossen. Start ist der 26.04.2014 Meine Partner für die Organisation vor Ort sind Irina und Sergej. Ich freue mich auf die Tour, auf ein Wiedersehen mit Ira und Sergej (RUS) und auf ein super Team. Dabei sein werden: Roland (A), JC (USA), Fredy, Holger, Johannes, Jürgen, Thomas, Wolfgang und Edith (D).

 

March 2014, preparations for our Elbrus ski Exped (5.642m) are almost complete. Start is 26.04.2014. My partners for the local organization are Irina and Sergei.

I look forward to the tour, to a reunion with Ira and Sergei (RUS) and a great team:

Roland (A), JC (USA), Fredy, Holger, Johannes, Jürgen, Thomas, Wolfgang and Edith (D).

Die Geschichte zur Tour:

Vom Traum zur Realität.

Seit ich mich mit dem Peakbagging – dem Sammeln von Bergen beschäftige, ist die Elbrus Besteigung in meinem Kopf. Lange war das Projekt nach hinten geschoben. Der Elbrus ist zwar finanziell erschwinglich, kostet nicht so viel Zeit und wird von zahlreichen Unternehmen als organisierte Tour angeboten, aber ich tauge nicht wirklich zum Reisebüro-Kunden. Bei mir muss das immer ein kleines bisschen individueller und anders sein.

 

Mein langjähriger Tourenbegleiter und Freund Ferdy hatte den Elbrus 2008 erlebt und überlebt, auf Grund verschiedener Umständen, für die er selbst nicht wirklich verantwortlich war, musste er zwei Tage und Nächte auf über 5.300m in einem Schneeloch ausharren. Somit hatte ich plastische Schilderungen der Elbrus Tour aus erster Hand.

 

Im Frühjahr 2012 war ich zusammen mit Ferdy und Freunden aus Österreich  am Kasbek (oder Kazbegi) 5.047m, dem dritthöchsten Berg von Georgien, unterwegs. Hier entwickelte sich die Idee der Elbrus Besteigung weiter und ich legte für mich fest, 2014 geht es zum Elbrus.

 

Einige Emails und Fragen an meine Freunde und Tourenbegleiter und sofort hatte ich eine leistungsstarke Gruppe zusammen. Eine bunte Mischung verschiedener Nationalitäten, Charaktere und alpinistischer Interessen traf am Abend des 26.04.2014 am Flughafen Mineralny Vody, aufeinander.

 

Auf einer Seite: wilde Typen, fremde Sitten, seltsame Sprachen und Dialekte, auf der anderen Seite: die Russen ;-)

 

Es war pure Wiedersehensfreude. Ira hatte ich das letzte Mal 2012 in Georgien gesehen, aber in den letzten Monaten vor der Tour hatte ich recht intensiven Kontakt zu ihr. Sie hat für mich vor Ort alles organisiert und sich um die Permits, Transfers, Hotels, Hütten, den Koch usw. gekümmert. Mit Roland war ich auch zuletzt in Georgien unterwegs und abgesehen von einem gemeinsamen Kaffee Ende 2013 in Klagenfurt hatten wir uns nicht mehr gesehen. JC hatte die weiteste Anreise und ich freute mich besonders auf meinen amerikanischen Seilpartner. Im August 2012 hatten wir das letzte Mal Gelegenheit gemeinsam einen Berg zu besteigen. Damals war es nur ein „kleiner“ der 3.163m Crystal Crag, ein besonders schöner Turm in Nord Kalifornien. In den Jahren davor waren wir gemeinsam in Kanada und den Alpen unterwegs. Etwas länger warten musste ich noch auf das Wiedersehen mit Sergej. Für mich ist Sergej ein wirklich besonderer Mensch. Ich traf ihn 2012 in Georgien. Er ist ein kleiner, zäher Typ, mit einem so freundlichen und offenen Gesicht, man muss ihn einfach mögen. Dazu kommt das er ein wirklich außergewöhnlicher Alpinist und Skifahrer ist. Er hat den Schneeleoparden Orden, welchen nur die Alpinisten bekommen die alle fünf 7.000er der ehemaligen UdSSR bestiegen haben. Das ist absolut kein Kinderkram und in der Schwierigkeit, aus meiner Sicht, deutlich anspruchsvoller als die Seven Summits. Die anderen im Team kannte ich von gemeinsamen Touren, zum Teil sind wir schon viele Jahre gemeinsam unterwegs und gut befreundet. Holger, Johannes, Fredy, Jürgen, Thomas, Wolfgang und natürlich mein Schatz Edith.

 

Der Transfer vom Flughafen in Mineralny Vody nach Cheget (das Ende des Baksan-Talabschluss hinter dem Ort Terskol) sollte zwischen 3 und 4 Stunden dauern. Trotz Nebel, Regen und einem Fahrzeug in grenzwertig technischen Zustand, schaffte es unser Fahrer in 2,5 Stunden. JC’s Magen konnte dem Tempo und Fahrstil nicht standhalten und rebellierte. Mitternacht im Hotel angekommen packte jeder seine Sachen in die recht komfortablen Zimmer und ging zu Bett.

 

27.04.2014 Der Start in den nächsten Tag begann mit Porridge und gebratenen Eiern (wie jeder folgende Tag im Hotel auch ;-). Ira meine nur lakonisch: „no Porridge – no Summit“.

Der erste Tag vor Ort wurde für eine Akklimatisierungstour genutzt. Die erste Etappe ging es mit einer wackligen Seilbahn in die Höhe und im Anschluss mit den Tourenski aufsteigend zur nächsten Seilbahnstation. An der oberen Station dann die Überraschung. Plötzlich steht Sergej vor mir. Was für ein Zufall. Er ist hier unterwegs mit angehenden Offizieren und trainiert diese in den Bergen. Wir umarmen uns und sofort beginnt die zwischen uns typische Konversation. Sergej spricht kein Englisch, mein Russisch beschränkt sich auf ca. hundert Wörter. Also ein Mix aus Deutsch, Englisch, Russisch und Gesten…und wenn es nicht weiter geht…Ira, please translate ;-)

 

Wir verabreden uns für den Abend und steigen noch auf bis ca. 3.850m. Von hier sahen wir dann, in einiger Entfernung, unser Hochlager, welches wir in den nächsten Tagen beziehen werden.

Mit den Skiern fuhren wir ab bis zur unteren Liftstation und mit unserem Taxi zurück in das Hotel.

 

Neben dem Hotel ist ein verfallener Schuppen, unter diesem wohnt eine kleine schwarz-weiße Hündin mit ihrem Welpen. Ich taufe sie auf Laika und schenke ihr die Reste meines Lunchpaketes, so wie der Rest der Gruppe auch. Bis zu unserer Abreise werden es ein paar fette Tage für Laika.

 

Ira hat Geburtstag, sie hat niemanden etwas verraten und am Abend gibt es eine Überraschung und ein Festessen. Unser Team ist heute Abend das erste Mal vollständig. Auch Mischa, unser Koch für das Hochlager, ist mit dabei. Es wird ein langer und ausgelassener Abend

…Please pay your drinks in cash, before you leave us…

 

28.04.2014 Wir sind etwas über 8 Kilometer mit Ski unterwegs und steigen zum Cheget und Peak 3.554. Das Wetter ist „durchwachsen“. Vormittags recht schön, ab Mittag zieht es zu und dann wechseln sich starker Wind, Schneefall und sonnige Abschnitte ab. Der starke Wind ist wie immer mein Begleiter im Kaukasus.

 

29.04.2014 Der Tag verläuft ähnlich wie die letzten Tage. Aufstieg mit Seilbahnunterstützung und Aufenthalt in der Höhe, knapp 8 Kilometer Bewegungstherapie und Rückkehr zum Hotel. Hund füttern, Essen, Trinken, Schlafen…

 

30.04.2014 Heute steht eine größere Tour auf dem Plan. Wir fahren mit unserem Taxi in den Ort und werden an der Hauptstraße abgestellt.  Hier nimmt uns ein geländegängiges Fahrzeug auf. Ein ehemaliger Krankentransporter der russischen Armee. Diese für Russland typischen Fahrzeuge vom Typ GAZ (Gorki Avtomobil Sabot - Gorki Automobil Werke) wurden und werden unter dem Motto gebaut: „Weiterfahren wo Andere aufgeben“. Dem entsprechend fährt unser Driver routiniert die unglaubliche Piste hoch bis uns ein Erdrutsch stoppt. Von hier dann zu Fuß weiter. Die Ski auf den Rucksack geschnallt geht es hoch Richtung Cheget Observatorium und weiter bis auf einen namenlosen Gipfel. Die Tour heute wird letztlich über 16 Kilometer lang und für einige Diskussionen in der Gruppe sorgen. Die Routenwahl von Ira wird auf Grund unsicherer Lawinen Verhältnissen kritisiert und wir nehmen einen anderen, wenn auch nicht viel besseren Weg runter. Am Abend sind alle wohlbehalten wieder im Hotel und unsere Gruppe hat die ersten größeren alpinen Herausforderungen in guter Teamarbeit geleistet.

 

01.05.2014 Heute geht es in unser Hochlager. Es ist viel zu tun. Ausrüstung richten, entscheiden was im Hotel bleiben soll, letzte Einkäufe tätigen, so vergeht die Zeit. Dann ist Teamwork angesagt, das ganze Material muss über mehrere Stationen in die Seilbahnen verladen, umgeladen und am Ende auf den Ratrac geladen werden. Alle arbeiten zusammen und so bewegen sich die riesigen Ausrüstungs- und Lebensmittelberge nach oben. Ira, Holger und Edith fahren mit dem Ratrac nach oben, wir beschließen mit den Skiern zu laufen. Angekommen auf 3.800m beziehen wir unser Barrel Camp. Ein riesiges, altes, rostiges Fass, auf Russisch Botschki, welches mit Stahlseilen an den Fels gebunden ist. Eigentlich ganz nett, aber eben alles etwas herunter gewirtschaftet und improvisiert. Das Türschloss ist kaputt, das Klo einen Tag vorher vom Sturm weggeweht und in der Hütte rennt eine fette Maus durch die Schlafsäcke. Strom gibt es zwischen 19:00 und 21:00 Uhr, wenn der Generator geht.

 

Wir richten uns ein und fügen uns in unser Schicksal und bauen in einem verlassenen Botschki eine Ersatztoilette, reparieren das Türschloss und killen die Maus. Jürgen bricht ein weiteres Mal die Diskussion vom Zaun: "warum am Gipfeltag den Ratrac als Aufstiegshilfe nutzen?" Für mich standen immer der Gipfelerfolg am 5.642m hohen Westgipfel und die Überschreitung mit der Nordabfahrt im Fokus. Die ersten Höhen- und Entfernungsmeter mit dem Ratrac zu erledigen war von Anfang an mein Plan. Ansonsten wäre die Überschreitung zumindest für mich nicht realisierbar. Diesen Plan jetzt kurz vor dem Start in Frage zu stellen, wäre etwas spät und löste eben Diskussionen in der Gruppe aus. Bei meiner Vorbereitung auf die Tour hatte ich von vielen anderen Teams gelesen bei denen exakt die gleiche Frage zum Teil die Gruppe ernsthaft spaltete. Diesen Punkt sollte man vor der Tour wirklich mit jedem Teilnehmer ausdiskutiert haben.

 

Am 02. und 3.05.2014 folgten kleinere Touren in Richtung Pastuchov Felsen und zurück zu unserem Botschki. Am Abend kommt ein neues Klo. Der Fahrer des Ratrac sagt uns auf Grund der kleinen Rauchwolke über dem Elbrusgipfel voraus, das das Wetter morgen gut sein wird. Gegen Abend lässt der Wind nach und es gibt einen schönen Sonnenuntergang und sternklaren Himmel. Der Mann hat recht. Morgen also ist es soweit.

 

04.05.2014 Gegen 3:25 Uhr geht es los. Die Rucksäcke haben wir am Vorabend gerichtet, Tee trinken, versuchen etwas Essbares runter zu würgen, anziehen und die Ausrüstung auf den Ratrac laden. Dann der Start, einige lange und kalte Minuten folgen. Die Maschine fährt Richtung Pastuchov Felsen und als das Gelände so steil ist das es nicht mehr weiter geht heißt es aussteigen, Steigeisen anlegen und los. Wolfgang hat seine Steigeisenriemen am Vorabend nicht eingestellt und hat wegen seiner angebrochenen Rippen Probleme sich zu bücken. Ich helfe ihm und habe die Handschuhe ein paar Minuten zu lange ausgezogen. Meine Hände fühlen sich an wie Holzstücke, die Finger der rechten Hand sind total ohne Gefühl. Verdammte Sch… ich fange an mir Sorgen zu machen. Thomas gibt mir seine Daunenhandschuhe und massiert mir die Hand, meine Skibrille füllt sich mit Tränen….man man man tut das weh wenn das Gefühl zurück kommt…

 

Wir müssen unsere Ski tragen, es ist so vereist, hier können wir nur mit Steigeisen gehen. Es wird hell und ein unglaubliches Panorama zeigt sich um uns. Der Mt. Ushba steht als prominenter Klotz am Horizont. Die Traverse zum Sattel scheint schier endlos. Irgendwann am Sattel horche ich in meinen Körper und bin sicher dass sich wieder so ein beklopptes Lungenödem anschleicht. Am Sattel 5.350m legen wir die Ausrüstung ab und gehen in Richtung Gipfel. Wolfgang beschließt bei der Ausrüstung auf uns zu warten. Er will die Kraft für die Abfahrt sparen. Alle sind schon los, ich quäle mich die letzten 300 Höhenmeter den Berg hoch. Es zieht sich noch weit und der Gipfel ist erst sehr spät zu sehen. Irgendwann ist es dann geschafft. Sergej ist noch am Gipfel und der Kaukasus liegt uns zu Füssen. Für mich ein sehr emotionaler und intensiver Moment zusammen mit Sergej. Für mich die erste, für Sergej die 93te Elbrus Besteigung. Ich genieße die Aussicht und die Gewissheit auf dem höchsten Punkt Europas zu stehen. Ich bilde mir ein die Erdkrümmung am Horizont sehen zu können, aber vielleicht war es auch nur die Anstrengung die meinem Hirn einen Streich spielt.

 

Der Abstieg zum Sattel geht dann etwas schneller. Nun heißt es Ski anlegen und nochmal einige Meter Aufstieg zur Nordseite. Dann folgt die spektakuläre Abfahrt nach Norden. Toller Schnee wechselt sich mit Harsch, Sulz und mit Fels durchzogenen Passagen ab. Unsere volle Aufmerksamkeit ist gefordert. Hinter uns zieht der Elbrus einen Wolkenvorhang über. Ich kämpfe mit dem beginnenden Lungenödem, Holger übernimmt das Kommando, die Teamarbeit und die Hilfsbereitschaft innerhalb der Gruppe lassen den Abstieg effektiv und recht flott ablaufen. Wir erreichen unsere Unterkunft auf 3.800 Höhenmeter. Erst einmal herrscht betretendes Schweigen. Die Wellblechhütte ist am Boden ca. 25 bis 30cm mit Eis bedeckt. Die Hütte ist von einer russischen Gruppe in Beschlag genommen und es stinkt ekelerregend nach Fisch. Hier will keiner von uns bleiben. JC meint die Hütte sei sehr effizient, Toilette und Schlafraum in einem. Ich spreche mit Ira. Die Ärmste kann unseren Frust gar nicht nachvollziehen. Es gibt hier schlicht und einfach keine besseren Unterkünfte. Die Nordseite ist nicht erschlossen, im Umkreis von „zig“ Kilometern ist hier einfach nur Natur, nichts und niemand. Ira meint auf 2.500 Höhenmeter sei noch eine Art Camp, wir beschließen dorthin abzufahren, schlechter kann es nicht sein. Es folgen weitere Stunden durch zum Teil mit Spalten durchzogenen Abschnitten und die letzten beiden Stunden mit auf dem Rucksack geschnallten Ski. Es ist bereits stockdunkel als wir das Camp erreichen. Ich bin heilfroh, dass niemand auf den abenteuerlichen Pfaden stürzt. Hier gibt es einige primitive Wellblechhütten und rohe Bretter ohne Matratzen zum darauf liegen. Egal, wir sind müde, schlürfen eine Suppe und verkriechen uns in unsere Schlafsäcke. Zähneputzen, Waschen? Muss alles ausfallen – kein Wasser.

 

05.05.2014 Wecken, „Knochen sortieren“, Frühstücken. Vom Elbrus ist nichts mehr zu sehen, Sturmwolken umhüllen den Berg, da möchte ich jetzt nicht oben sein. Wir hatten ein Wetterfenster von exakt einem guten Tag erwischt. Dann Abstieg mit diversen Gegenanstiegen (Gegenanstieg? Davon stand nix aber auch gar nix in meinem Plan ;-) Wir passieren eine Mineralquelle, das Wasser was hier aus dem Dreck sprudelt schmeckt phantastisch. Weiter Richtung Norden bis wir nach einigen Stunden eine kleine Ansiedlung mit 4 bis 5 alten Häusern erreichen. Alles ist ziemlich windschief, alt, kaputt. Eine Brücke über den Fluss ist eingestürzt und taugt nur noch zum Klettern über den Fluss. Unser Fahrer wartet bereits und hat, wie von mir geordert, Bier mitgebracht. Nun wird erst einmal auf den Gipfel und die rassige Abfahrt, nebst Abstieg, angestoßen. Wir sitzen im Dreck, palavern und alle sind voller Glückshormone. Die Anspannung fällt nun langsam von mir. Wir haben es wirklich geschafft! Wir waren da oben und sind nach Norden abgefahren. Ein internationales Team mit 12 Leuten! Alle sind wohlauf, meine Organisation ist aufgegangen. Ich bin so glücklich das ich heulen könnte ;-) wir vernichten die Biere und stopfen uns zu zwölft + Fahrer und Ausrüstungen in den GAZ Bus. Dann beginnt das Gerumpel über die Piste, stundenlang werden wir durchgeschüttelt. Unser Driver hat ein Erbarmen und hält ab und zu mal an um uns interessante Punkte in der unglaublich schönen und abwechslungsreichen Landschaft zu zeigen. So können wir hin und wieder das getrunkene Bier wegbringen und die eingeschlafenen Gliedmaßen wieder erwecken. Ich verhandle mit Ira über einen Mittagspausenstopp, wir passieren ein Lokal. Der Fahrer schüttelt den Kopf und sagt mir: „ das Restaurant ist schlecht, es trägt den Beinamen „Far far from women“. Also weiter. Am frühen Nachmittag kommen wir zu einem Restaurant mit Gartenlokal. Es ist sonnig und warm, ein Russe sitzt mit seiner Freundin beim Essen und staunt nicht schlecht als wir mit schlammigen Skistiefeln und Bergsteiger Outfit das Lokal betreten. Er macht Fotos von uns und fragt erstaunt und lachend nach dem Woher und Wohin. Wir sind die Attraktion für die Einheimischen.

 

Am frühen Abend erreichen wir die Stadt Pjatigorsk (übersetzt: Fünf Berge). Die Stadt hat ca. 145.000 Einwohner und ist recht hübsch. Dank der Thermalquellen galt Pjatigorsk als das Baden-Baden Russlands. Im 19 Jahrhundert war es als Kurort bei der russischen Aristokratie sehr beliebt. In der jüngeren Geschichte wurden gern unliebsame Politiker dorthin „weggelobt“. Ein recht erträgliches Leben dort, aber weit genug weg von Moskau um keinen Schaden anrichten zu können.

 

Wir beziehen unsere Hotelzimmer, sortieren und reinigen unsere Ausrüstung, duschen und treffen uns frisch gekleidet und rasiert, pünktlich zum Stadtbummel und zur Gipfelfeier im Restaurant. Es wird ein schöner und nicht ganz billiger Abend.

 

06.05.2014 Ausschlafen, Frühstücken, Entspannen, Stadtbummel, nichts tun, Seele baumeln lassen. Am Abend feiern, Wodka trinken und Wodka trinken und Wodka trinken…

 

Ira erzählt mir, dass ein iranisches Team am gleichen Tag wie wir am Gipfel war. Diese sind in das falsche Tal abgestiegen und wurden nach längerer Suche gefunden. Unterkühlt, entkräftet aber am Leben. Am 05.05.2014 sei ein vermutlich polnisches Team aufgestiegen (diese waren mit uns zusammen im Hotel in Cheget) diese würde man noch suchen.

 

07.05.2014 Wir fahren stundenlang durch den strömenden Regen, passieren eine Landesgrenze und sind am Mittag an einer heißen Quelle, irgendwo im kaukasischen Hinterland. Wir legen uns in die heiße Schwefelbrühe und freunden uns an mit ein paar einheimischen Kaukasiern. Es endet da wo es hier immer zu enden scheint… beim Wodka ;-) Wir haben Spaß an unseren neuen Freunden Rosana, Ruslan und Muhamed und den Anderen und diese offensichtlich auch an uns. Wir fahren weiter schauen uns einen schönen Wasserfall an und kommen spät zurück in das Hotel. Abendessen und Packen bestimmen den letzten Abend.

 

08.05.2014 Es heißt Abschied nehmen, von Ira und Sergej, die uns gut umsorgt haben und die immer versucht haben meinen anspruchsvollen und für russische Alpinisten vermutlich oft unverständlichen Wünschen gerecht zu werden. Abschied von Pjatigorsk und Russland, von unserem Kaukasus Abenteuer und der irgendwie angenehmen pragmatischen Art der Russen. Ich mag sie einfach und fühle mich dort wohl. Der letzte Trip im Kaukasus war das auf keinen Fall! Ushba, Kazbek, Schachdag, Schchara, Djanga, Katyn-Tau, Tetnuldi, Bazar Dyuzi, Aragats Ler, ….sie strahlen für mich mit großer Anziehungskraft. Ihr müsstet sie nur mal mit meinen Augen sehen… Viele Alpinisten verstehen das nicht und besteigen lieber die Prestige-Berge der Welt, die mit den bekannten Namen, zu denen zugegebenermaßen auch der Elbrus gehört. Urteilen würde ich darüber niemals, denn jedem das was ihn glücklich macht.

 

Der Rückflug nach Moskau verläuft problemlos, das Gepäck wird bis Zürich durchgecheckt. Wir bummeln durch Moskau, schauen uns die typischen Touristenecken an. Roter Platz, Kreml, Basilika, Moskwa, GUM, Metro usw.. Dann weiter über Düsseldorf nach Zürich.

 

Danke an alle die zum Gelingen der Tour beigetragen haben! Danke an Ira und Sergej, Danke an alle Teammitglieder! Es war schön zusammen mit Euch unterwegs gewesen zu sein. All der Stress im Vorfeld, all der Ärger bis wir die Genehmigungen und Visa hatten, all das hat sich gelohnt. Ich bin stolz auf unser Team, besonders stolz auf Edith, die mit ihren begrenzten Skikönnen, dank der Hilfe der Gruppe, diese Abfahrt gemeistert hat.

 

PS.: Die Suche nach den Vermissten wurde am 12. oder 13.05.2014 eingestellt, bisher habe ich keine weiteren Informationen.

 

Matthias Fieles alias Matze-Sherpa

 

 

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Vielen Dank an alle Unterstützer, Freunde, Tourenbegleiter, meine Familie, meine Kinder und vor allem an meine Partnerin Edith. Mir ist bewusst das es nicht einfach mit mir ist, deshalb Danke für Eure Geduld und Liebe.